Montag, 5. Januar 2015

Noch ein ungläubiger Jünger

Der iranisch-amerikanische Religionswissenschaftler Reza Aslan veröffentlichte 2013 eine Jesus-Biografie, die im selben Jahr auch auf Deutsch erschien: Zelot. Jesus von Nazaret und seine Zeit (Rowohlt Verlag). Das Buch enthält die üblichen bibelkritischen Positionen und erhebt auch nicht den Anspruch, von einem Gläubigen geschrieben worden zu sein. In einem Interview mit dem Radiosender NPR bekannte der Autor:
Ich würde mich nicht als Christen bezeichnen, denn ich glaube nicht, dass Jesus Gott ist, und ebenso wenig glaube ich, dass er das jemals selbst dachte oder sagte.
Darauf folgte jedoch ein bemerkenswerter Satz:
Aber ich bin ein Nachfolger [follower] Jesu, und ich denke, dass diese beiden Dinge – selbst Christen würden das wohl erkennen und zugeben – leider nicht immer dasselbe sind: Christ sein und Nachfolger Jesu sein.
Bei einer Lesung in Portland (Oregon) fasste Aslan die Absicht seines Buches ganz ähnlich zusammen:
Ich will den Leuten zeigen, dass man ein Nachfolger Jesu sein kann, ohne notwendigerweise Christ zu sein.
Nun könnte man natürlich einwenden, Aslan sei kein echter Nachfolger oder Jünger Jesu, wenn er kein Christ ist. Aber waren die Jünger in Joh 6,60–66, die »nicht glaubten«, deshalb keine Jünger? War Judas Iskariot kein Jünger? Die Schrift jedenfalls unterscheidet nicht zwischen »echten« und »unechten« Jüngern, sondern nur zwischen glaubenden und nicht glaubenden. In gewisser Weise ist Aslan sogar ein »besserer« Jünger als die Genannten aus Joh 6, da er von Jesus (dem Menschen) nach wie vor begeistert ist, während die ungläubigen Jünger in Joh 6 ihn verließen. Grundsätzlich gehört er jedoch in dieselbe Kategorie wie Albert Schweitzer.

(PS: Tatsächlich ist Aslans Situation wohl noch etwas komplizierter als die Schweitzers. Mit 15 Jahren hatte er in einem evangelikalen Jugendcamp ein Bekehrungserlebnis, das er in der Vorbemerkung seines Buches wie folgt beschreibt:
Vor 2000 Jahren, so erzählte man mir, wurde in einem Land namens Galiläa der Gott des Himmels und der Erde als hilfloses Kind geboren. Dieses Kind wuchs zu einem Mann ohne Sünde heran. Der Mann wurde zum Christus, zum Erretter der Menschheit. Durch seine Worte und Wundertaten provozierte er die Juden, die sich als das von Gott auserwählte Volk sahen, und dafür ließen ihn die Juden an ein Kreuz schlagen. Er hätte sich dieser grauenvollen Strafe entziehen können, doch er wählte aus freiem Willen den Tod. Sein Tod gab dem Ganzen erst einen Sinn, denn sein Opfer befreite uns alle von der Last unserer Sünden. Aber damit endete die Geschichte noch nicht, denn drei Tage später stand er wieder auf, erhöht und göttlich, sodass jetzt alle, die an ihn glauben und ihn in ihre Herzen aufnehmen, das ewige Leben haben werden. (S. 13f. der deutschen Ausgabe)
Von einigen Ungenauigkeiten in der Formulierung abgesehen, ist das eine ausgezeichnete Zusammenfassung des Evangeliums – sogar völlig frei von Lordship-Elementen. Auf Aslan, der aus einer säkularisierten muslimischen Familie stammte, machte diese Botschaft großen Eindruck:
Nie zuvor hatte ich die Anziehungskraft Gottes so deutlich gespürt. […] Für mich als Teenager, der versuchte, einer nicht klar umrissenen Welt, deren ich mir gerade erst bewusst geworden war, einen Sinn abzugewinnen, war dies eine Einladung, die ich nicht ausschlagen konnte.
Sofort nach meiner Rückkehr aus dem Camp versuchte ich eifrig, die gute Nachricht von Jesus Christus weiterzutragen: zu meinen Freunden und meiner Familie, meinen Nachbarn und Klassenkameraden, Menschen, die ich gerade kennengelernt hatte, und Leuten, die ich auf der Straße traf; zu jenen, die gern zuhörten, und jenen, die überhaupt kein Interesse hatten. (S. 14f.)
Einige Jahre später meinte er in der Bibel allerdings Widersprüche und Fehler zu entdecken und wandte sich daher wieder vom christlichen Glauben ab und dem Islam zu, den er heute für die »vernünftigere« Religion hält. Aus arminianischer Sicht hat er damit das Heil, das er vermutlich einmal besaß, wieder verloren; aus calvinistischer Sicht hat er damit bewiesen, dass er nie wirklich wiedergeboren war. Aus Free-Grace-Sicht kann er nach wie vor wiedergeboren sein – wenn seine Bekehrung echt war.)

1 Kommentar:

  1. Wie verbindet Aslan Islam und Christentum?
    Laut eigenen Worten ist Aslan vom islamischen Konzept des "tauhid" fasziniert: der Einheit Gottes. Dieses Konzept beinhaltet nicht nur einen strikten Monoteismus, sondern erweitert sich im Sufismus - dem Aslan anhängt - zur mystischen Einheit des Glaubenden mit Gott, die in der Schöpfung (und Kunst) erfahren werden kann. Besteht hier ein Widerspruch zur Lehre Jesu? Eigentlich nicht: Im Prolog des Johannesevangeliums wird auch eine tauhid-Konzeption entworfen. Jesus kommt in sein Eigenes, er war und ist immer in der Schöpfung anwesend. Außerdem wiederholt Jesus die Shahada, die Grundlage des jüdischen und islamischen Glaubensbekenntnisses: "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Gott (Herr)" (Mk 12) Jesus geht also auch von einem einzigen Gott aus - was der Islam nicht so gerne hört!
    Kann Aslan auf Errettung hoffen?
    Jesus hat im Islam eine Sonderstellung gegenüber Mohammed: Er gilt allgemein als Prophet der Liebe und wird am jüngsten Tag die Seelen der Toten in das Jenseits führen. So gesehen könnte das Wort Jesu: "Keiner kommt zu Gott, außer durch mich" auch im Islam erfüllt werden. (Dies ist einer der geheimen Gründe, warum der Islam so selbstbewusst gegenüber dem Christentum auftritt)

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