Mittwoch, 31. Dezember 2014

Ein ungläubiger Jünger

Der Missionsarzt Albert Schweitzer (1875–1965), dessen Todestag sich 2015 zum 50. Mal jährt, gilt vielen nach wie vor als »Symbolgestalt christlicher Nächstenliebe und gelebter Humanität« (ELThG). Mit 38 Jahren ließ er alles hinter sich, was er bisher erreicht hatte – darunter eine theologische Professur an der Universität Straßburg –, um im westafrikanischen Gabun ein Urwaldhospital zu gründen. Hier widmete er sich bis zu seinem Lebensende (mit einigen Unterbrechungen) dem Dienst an den Ärmsten der Armen, wofür er 1952 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Was veranlasste Schweitzer zu diesem radikalen Schritt? Am 26. Februar 1905, einen Monat nach seiner Entscheidung zur Aufnahme eines Medizinstudiums, schrieb er an seine spätere Frau Helene Bresslau:
Was ich will, das kann kein Hirngespinst sein. Dafür bin ich zu realistisch. Aber ich will mich aus diesem bürgerlichen Leben befreien, das alles in mir töten würde, ich will leben, als Jünger Jesu etwas tun. (Albert Schweitzer / Helene Bresslau: Die Jahre vor Lambarene. Briefe 1902–1912, hrsg. von Rhena Schweitzer Miller und Gustav Woytt, München [C.H. Beck] 1992, S. 82; alle Hervorhebungen durch mich, M.S.)
Schweitzer verstand sich also dezidiert als Jünger Jesu und seinen Dienst als Ausdruck dieser Jüngerschaft. Mit diesem Thema hatte er sich, wie er am 10. Juni 1908 an den Musiker Gustav von Lüpke schrieb, bereits seit vielen Jahren beschäftigt:
Aber ich habe mir es in meiner Jugend in den Kopf gesetzt zu ergründen, was es mit der Religion und dem Christentum sei, und ob etwas in dem Worte »Jünger Jesu« liegt; das Endresultat mag sein[,] wie es will. (Werner Zager: Albert Schweitzer als liberaler Theologe. Studien zu einem theologischen und philosophischen Denker, Beiträge zur Albert-Schweitzer-Forschung 11, Berlin/Münster [Lit] 2009, S. 136)
In seiner Geschichte der Leben-Jesu-Forschung (1906, erweitert 1913) formulierte Schweitzer den Anspruch, den Jesus an seine Jünger stellte und heute noch stellt, folgendermaßen:
Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns, wie er am Gestade des Sees an jene Männer, die nicht wußten, wer er war, herantrat. Er sagte dasselbe Wort: Du aber folge mir nach! und stellt uns vor die Aufgaben, die er in unserer Zeit lösen muß. Er gebietet. Und denjenigen, welche ihm gehorchen, Weisen und Unweisen, wird er sich offenbaren in dem, was sie in seiner Gemeinschaft an Frieden, Wirken, Kämpfen und Leiden erleben dürfen, und als ein unaussprechliches Geheimnis werden sie erfahren, wer er ist. (Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Tübingen [Mohr Siebeck] 1966, S. 630)
Noch pointierter drückte Schweitzer es in einer Predigt aus:
Jesus muß für uns der Herr sein, mit dem wir uns im Leben auseinandersetzen und vor dessen Worten wir Rechenschaft ablegen. Das Bekenntnis, nach dem wir uns prüfen, ist dieses, ob er für uns der Herr ist. (Predigten 1898–1948, hrsg. von Richard Brüllmann und Erich Gräßer, Werke aus dem Nachlaß 3, München [C.H. Beck] 2001, S. 979)
Das sind Worte, die das Herz jedes »Lordship-Salvation«-Verfechters höher schlagen lassen müssten (das vorletzte Zitat wurde der 2013 bei Hänssler erschienenen Romanbiografie Schweitzers von Ken Gire sogar als Motto vorangestellt). Und doch war Schweitzer kein Gläubiger im neutestamentlichen Sinne, denn das Fundament und Zentrum des christlichen Glaubens, den Sühnetod Jesu Christi am Kreuz, lehnte er ab. Werner Zager schreibt in seiner Schweitzer-Monografie (durchaus bewundernd):
Indem Schweitzer bei seinem Verständnis des Todes Jesu konsequent auf die Sühnevorstellung verzichtet, erweist er sich als liberaler Theologe, für den es kein Zurück hinter die Aufklärung geben kann. Ist es doch für den Menschen seit dem Zeitalter der Aufklärung ein inakzeptabler Gedanke, dass Jesus vor zwei Jahrtausenden in seinem Kreuzestod Schuld und Strafe aller Menschen – der damals lebenden, der damals bereits verstorbenen und der künftigen, also auch heutigen Menschen – auf sich genommen und beseitigt haben soll. (Zager, a.a.O., S. 67)
Zwar sprach auch Schweitzer noch von »Erlösung durch den Tod Jesu«, aber er verstand darunter nur eine »Erlösung vom Egoismus«. Jesus habe seine Jünger
durch nichts anderes als durch seinen Tod von den weltlichen Gedanken, die über sie herrschten, erlöst und sie zu neuen Menschen gemacht. Ist das nicht die Erlösung, nach der sich die Welt sehnt, daß sie geoffenbart werden soll, und nach der wir uns sehnen, daß sie in uns wirksam sich erweist, die Erlösung von den selbstischen, weltlichen Gedanken und von der Eitelkeit unseres Wandels […]? […] Die neue Erkenntnis heißt: dienen. Das Dienen aber wirkt Erlösung: unsere eigene Erlösung und daß wir andere erlösen können, von der Welt erlösen können. (Predigten 1898–1948, a.a.O., S. 727)
Dass wir »von den selbstischen, weltlichen Gedanken und von der Eitelkeit unseres Wandels« erlöst werden müssen, ist durchaus richtig und biblisch (1Petr 1,18), aber das können wir nicht selbst durch unser »Dienen« bewirken (wofür der Tod Jesu allenfalls noch ein gutes Beispiel liefert), sondern es geschah »mit dem kostbaren Blut Christi als eines Lammes ohne Fehler und ohne Flecken« (1Petr 1,19). Wer das leugnet, kann sich noch so emphatisch »Jünger Jesu« nennen und sein Leben an der Bergpredigt ausrichten (nach Schweitzer »die unanfechtbare Rechtsurkunde des freisinnigen Christentums«) – den rettenden Glauben, der sich allein auf das Werk Jesu Christi gründet und nicht auf eigene Werke, besitzt er nicht.

Als Schweitzer 29 Jahre alt war, umschrieb er seiner späteren Frau Helene Bresslau einmal wie folgt sein Lebensziel:
Und dann das Recht haben, ein Ketzer zu sein! Nur Jesus von Nazareth kennen; die Fortführung seines Werkes als einzige Religion haben […]. Nicht mehr die Angst vor der Hölle kennen, nicht mehr nach den Freuden des Himmels trachten […] – und doch wissen, daß man Ihn, den einen Großen, versteht und daß man sein Jünger ist. Gestern beim Einschlafen las ich das 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, weil ich so sehr den Vers liebe: ›Was ihr getan habt einem dieser Geringsten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir getan.‹ Aber wo beim Jüngsten Gericht von der Scheidung der ›Schafe und der Böcke‹ die Rede ist, da lächelte ich: Ich will nicht zu den Schafen und im Himmel treffe ich sicher eine ganze Gesellschaft, die ich nicht mag: St. Loyola, St. Hieronymus, und ein paar preußische Oberkirchenräte – und mit diesen allen freundlich tun und den Bruderkuß austauschen? Nein, ich verzichte, lieber in die Hölle, dort ist die Gesellschaft weniger gemischt. Mit Julian Apostata, Caesar, Sokrates, Platon und Heraklit läßt sich schon ein anständiges Gespräch führen. (Die Jahre vor Lambarene. Briefe 1902–1912, a.a.O., S. 68; 1. Mai 1904)
Wenn es im Leben Albert Schweitzers keinen Moment gab, in dem er auf das Blut Jesu vertraute und nicht auf sein eigenes »Dienen«, wird ihm dieser Wunsch wohl leider erfüllt werden.

Kommentare:

  1. Vielleicht gibt es mehrere Wege?
    Der "barmherzige Samariter" als Jesu Vorbild für den wahren Glauben - den Weg in das "ewige Leben" - glaubte auch nicht an Jesus speziell. Er glaubte aber wie Schweitzer an die Ideale der Bergpredigt.

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  2. dann kommt er in die Hölle mein Freund. Das ist wie der religiöse Kain. Auch im Judasbrief zu finden, der "Weg Kains".
    Nicht auf Gottes Gerechtigkeit zu setzten, sondern auf meine nicht vorhandene Gerechtigkeit, wenn ich Sünden vor Gott habe....

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