Samstag, 23. November 2013

Ist jeder Gläubige ein Jünger (und umgekehrt)?

Das Standardwerk der »Lordship Salvation«, John MacArthurs Lampen ohne Öl, stellt apodiktisch fest:
»Jeder Christ ist ein Jünger. […] Jünger sind Leute, die glauben; und ihr Glaube motiviert sie, allen Geboten des Herrn zu gehorchen.« (John F. MacArthur: Lampen ohne Öl, Bielefeld: CLV ²2012, S. 221)
Ganz sicher ist dies der Normalfall. Eine genaue Lektüre der Evangelien zeigt jedoch, dass es auch Ausnahmen von dieser Regel geben kann. Prinzipiell lassen die Attribute »gläubig« und »Jünger« ja vier mögliche Kombinationen zu:

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gläubig ja nein ja nein
Jünger ja nein nein ja

Dass die Möglichkeiten 1 und 2 existieren, wird wohl niemand in Frage stellen; umstritten sind die Möglichkeiten 3 und 4 – doch auch sie kommen beide im Neuen Testament vor.

Gläubig, aber keine Jünger

Das vielleicht deutlichste Beispiel für Typ 3 findet sich in Joh 8,30f. (eine Stelle, die von MacArthur nicht behandelt wird):
Als er dies redete, glaubten viele an ihn. Jesus sprach nun zu den Juden, die ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaft meine Jünger.
Hier ist von Menschen die Rede, die an Jesus »geglaubt« hatten – dieses Wort steht im Johannesevangelium für den rettenden Glauben (Joh 3,16). Dennoch waren sie noch keine Jünger (oder jedenfalls noch nicht »wahrhaft«); dazu war es notwendig, dass sie »in seinem Wort blieben«. In ähnlichem Sinne konnten selbst die Apostel, die Jesus bereits drei Jahre nachgefolgt waren, noch aufgefordert werden, seine Jünger zu »werden« (Joh 15,8).

Ein zweites Beispiel für Typ 3 scheint mir in Joh 12,42f. vorzuliegen (auch auf diese Stelle geht MacArthur nicht ein):
Dennoch aber glaubten auch von den Obersten viele an ihn; doch wegen der Pharisäer bekannten sie ihn nicht, damit sie nicht aus der Synagoge ausgeschlossen würden; denn sie liebten die Ehre bei den Menschen mehr als die Ehre bei Gott.
Diese Obersten »glaubten« ebenfalls an Jesus, aber es wäre wohl kaum angemessen, sie als »Jünger« zu bezeichnen, wagten sie es doch noch nicht einmal, öffentlich zu ihrem Glauben zu stehen, geschweige denn, Jesus buchstäblich nachzufolgen.

Jünger, aber nicht gläubig

Ein offensichtliches Beispiel für Typ 4, das auch von MacArthur diskutiert wird, ist Judas Iskariot. Ohne Zweifel war Judas ein Jünger (Joh 12,4), ja sogar ein Apostel (Lk 6,13.16), aber es gibt wenig Grund, ihn als Gläubigen anzusehen: Jesus nennt ihn »verloren«, »Sohn des Verderbens« und »Teufel« (Joh 17,12; 6,70), grenzt ihn von den übrigen Jüngern ab, die »rein« waren (Joh 13,10f.18), und urteilt über ihn, es wäre besser, »wenn er nicht geboren wäre« (Mk 14,21). In Joh 6,64 wird er direkt in einem Atemzug mit solchen genannt, »die nicht glaubten«. MacArthurs Versuch, ihn als »falschen Jünger« hinzustellen (S. 117f.), der sich wahrscheinlich für einen Gläubigen gehalten habe (S. 109), erscheint mir nicht überzeugend.

Im Kontext von Joh 6,64 werden noch weitere Jünger erwähnt, die keine Gläubigen waren:
Viele nun von seinen Jüngern, die es gehört hatten, sprachen: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? Da aber Jesus bei sich selbst wusste, dass seine Jünger hierüber murrten, sprach er zu ihnen: […] Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben; aber es sind einige unter euch, die nicht glauben. Denn Jesus wusste von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer es war, der ihn überliefern würde. Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt, dass niemand zu mir kommen kann, es sei ihm denn von dem Vater gegeben. Von da an gingen viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm. (Joh 6,60–66)
Auch diese Menschen werden uneingeschränkt als »Jünger« bezeichnet – sie waren Schüler und Nachfolger Jesu gewesen, und dennoch hatten sie nicht an ihn »geglaubt«. Das muss sogar MacArthur zugeben, aber er verbannt diese Erkenntnis in eine kleingedruckte Endnote im Anhang, die vermutlich von den wenigsten gelesen wird (S. 285, Anm. 2 zu Kap. 19).

Fazit

Selbstverständlich sind alle diese Fälle – das möchte ich abschließend noch einmal betonen – unnatürliche und ungesunde Ausnahmen. In der Regel tritt ein Mensch, der zum Glauben an Jesus Christus kommt, sogleich auch in seine Nachfolge, wächst und bringt Frucht (Joh 15,8). Dennoch müssen die Begriffe Glaube und Jüngerschaft prinzipiell auseinandergehalten werden, andernfalls droht die Gefahr theologischer Verwirrung und kurzschlüssiger Fehlurteile.

Dass es auch heute noch Menschen gibt, die sich als Jünger und Nachfolger Jesu verstehen, aber keinen rettenden Glauben besitzen, möchte ich im folgenden Beitrag am Beispiel Albert Schweitzers zeigen.

Kommentare:

  1. Auch wenn das Thema "freie Gnade" nicht wirklich was "Neues" bieten kann - ich würde mich sehr freuen über weitere Beiträge.

    Aber vielen Dank für alles, was man hier lesen kann. Ich habe die Seite schon oft weiter empfohlen.

    Könnte man vielleicht eine (geschlossene?) Gruppe bei facebook anbieten?

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  2. Für eine geschlossene Gruppe auf facebook wäre ich auch. Für den Fall, dass eine Gruppe gegründet wird, würde ich aber die Zielsetzung festlegen, damit die Diskussionen nicht ausarten. Ich warte schon lange auf einen neuen Beitrag von Ihnen. Wann kann ich eigentlich einen neuen Beitrag von Ihnen erwarten? Ich lese Ihre Beitrage so gerne.

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