Samstag, 16. Februar 2013

Zuck über »Mit Ausharren laufen«

Das 2009 im Betanien-Verlag erschienene Buch Mit Ausharren laufen: Gibt es Heilsgewissheit ohne Heiligung? von Thomas R. Schreiner und Ardel B. Caneday (engl. The Race Set before Us: A Biblical Theology of Perseverance and Assurance, 2001) grenzt sich sowohl von »Free Grace« als auch von »Lordship Salvation« ab und wird daher von vielen als ausgewogene Behandlung der Thematik angesehen. Tatsächlich jedoch machen auch diese beiden Autoren das Heil von Bedingungen auf Seiten des Menschen abhängig, wie die folgende Rezension von Roy B. Zuck zeigt, die ich aus Bibliotheca Sacra 160 (2003), S. 241–243 übersetzt habe. (Caneday behauptet in seinem Blog zwar, Zuck habe ihn nicht verstanden, aber diesen Vorwurf macht er praktisch allen seinen Kritikern.) Der Rezensent ist in Deutschland u.a. als Mitherausgeber des Walvoord-Bibelkommentars (Hänssler ³2000) bekannt.

Thomas R. Schreiner, Professor am Southern Baptist Theological Seminary (Louisville, Kentucky), und Ardel B. Caneday, Dozent am Northwestern College (St. Paul, Minnesota), erörtern vier populäre Ansichten über Ausharren, Heilsgewissheit und die Warnungen der Schrift: 1. Verlierbarkeit des Heils (Arminianismus), 2. Verlierbarkeit der Belohnung (Position des Dallas Theological Seminary und der Grace Evangelical Society), 3. Prüfung der Echtheit (reformierte Theologie) und 4. Hypothetischer Verlust des Heils (u.a. B.F. Westcott und Homer Kent). Die Autoren lehnen alle vier Sichtweisen ab und schlagen dann eine fünfte Auffassung vor, die sie »Gottes Mittel zur Errettung« nennen. Ihrer Meinung nach sind die biblischen Warnungen und Ermahnungen »das Mittel, das Gott benutzt, um sein Volk zu retten und bis ans Ende zu bewahren« (S. 41). Das Heil sei ein »Schon jetzt, aber noch nicht«-Werk Gottes (S. 45), d.h. obwohl die Gläubigen jetzt schon ewiges Leben haben, besitzen sie es noch nicht (S. 69).

Diese Sichtweise wirft mehrere schwerwiegende Probleme auf. Erstens schmälert sie die biblische Tatsache, dass das ewige Leben ein Geschenk ist, das man einfach durch Glauben an Jesus Christus empfängt. Schreiner und Caneday stellen das ewige Leben oft als Preis dar, um den man kämpfen und den man gewinnen muss (z.B. S. 87, 90). Zwar zitieren sie einmal Röm 6,23, aber nicht um zu zeigen, dass die Gläubigen in dem Moment ewiges Leben haben, in dem sie zum Glauben kommen, sondern um zu zeigen, »dass das ewige Leben eine Gabe des kommenden Zeitalters ist« (S. 69). Sie bestreiten, dass das ewige Leben für jeden Gläubigen sowohl eine gegenwärtige als auch eine zukünftige Realität ist, d.h. dass es unser Besitz ist, sobald wir zum Glauben kommen, und dass es fortdauert, wenn wir sterben.

Die Verfasser behaupten wiederholt, das ewige Leben sei nur dann sicher, wenn ein Gläubiger bis ans Ende ausharre. »Die Verheißung des ewigen Lebens ist an eine Bedingung geknüpft«; »Gottes Verheißung des Heils ist an eine Bedingung geknüpft« (S. 166 und 167 im Original). [A.d.Ü.: Diese und einige der folgenden Zitate fehlen in der deutschen Ausgabe. Nach Auskunft des Verlegers wurde beim Übersetzen um bis zu 10 % gekürzt – »insbesondere (typisch amerikanische) Redundanzen und speziell amerikanische (Literatur-) Bezüge«. Eine inhaltliche Tendenz (z.B. Abmilderung besonders radikaler Aussagen) habe es nicht gegeben.] Unter dieser Bedingung verstehen sie natürlich das Ausharren. »Um das Heil zu erlangen, ist es notwendig, in geheiligtem Wandel und gesunder Lehre auszuharren« (S. 51 im Original). Man muss »im Glauben ausharr[en], um das ewige Leben zu erlangen« (S. 116). Klingt das nicht doppelzüngig? Wie können die Autoren einerseits versichern, dass Gläubige jetzt schon ewiges Leben haben, und andererseits sagen, dass sie das ewige Leben nicht erhalten werden, wenn sie nicht ausharren?

Zweitens schreiben die Verfasser, dass ein Gläubiger, der nicht ausharrt, ewig verloren gehe. »Wir fragen womöglich: ›Was ist, wenn ich nicht bis ans Ende ausharre?‹ Die Antwort … lautet schlicht, dass wir dann nicht gerettet werden« (S. 156). »Sie müssen ausharren, wenn Sie gerettet werden wollen« (ebd.). »Die Verheißung des Heils gilt jedem, der ausharrt« (ebd.). »Zugleich aber ermahnt sie [die Schrift] uns auch, im Gehorsam gegenüber Christus auszuharren, weil wir sonst ewig verloren gehen« (S. 219). Die Logik der Autoren scheint folgendermaßen aufgebaut zu sein: (1) Ein Mensch wird durch Glauben an Christus gerettet. (2) Ein Gläubiger muss jedoch ausharren, um letztendlich gerettet zu werden. (3) Wenn ein Gläubiger also nicht ausharrt, kommt er nicht in den Himmel. Ironischerweise macht das ihre Position zu einer arminianischen: Ein Gläubiger kann sein Heil verlieren! Die Verfasser bestreiten dies vehement, aber die Schlussfolgerung erscheint offensichtlich. Wenn jemand errettet ist und dann doch nicht in den Himmel kommt, weil er nicht ausgeharrt hat, dann hat er verloren, was er einmal besessen hat.

Schreiner und Caneday meinen, dass ein Gläubiger, der nicht ausharrt, »ewig verloren gehen« werde (S. 219). »Kein Gläubiger, der den Lauf auf halber Strecke abbricht, wird den Preis [des ewigen Lebens] erlangen« (S. 275). »… wenn wir nicht ausharren, gehen wir verloren« (S. 212f.). Klingen diese Aussagen nicht wie die Lehre von der Verlierbarkeit des Heils? Die Autoren scheinen diesem Einwand zuvorkommen zu wollen, indem sie feststellen: »Alle, die gerechtfertigt sind, werden auch ausharren und verherrlicht werden (Röm 8,30)« (S. 156). In Röm 8,30 steht jedoch nichts von Ausharren. Der Vers besagt, dass alle, die gerechtfertigt sind, auch verherrlicht werden, und diese Tatsache ist eine bedingungslose Gewissheit.

Ein drittes Problem der Sichtweise von Schreiner und Caneday sind ihre widersprüchlichen Aussagen über die Beziehung zwischen der Errettung und menschlichen Werken. Sie »bestreiten … mit aller Entschiedenheit, dass das Heil durch Werke verdient werden könnte« (S. 90). Dennoch schreiben sie gleich im übernächsten Satz: »Der Preis, den es zu gewinnen gilt, ist das ewige Leben; und laut Paulus müssen wir danach streben, diesen Preis zu erlangen«. Wenn sie behaupten: »das ewige Leben wird am Jüngsten Tag nicht ohne gute Werke der Nachfolge Jesu empfangen (Röm 2,6–7; Mk 10,29–30)« (S. 70), machen sie damit nicht die Errettung von Werken abhängig? Wie kann ein Geschenk ein Geschenk sein, wenn man danach streben muss, es zu erhalten? Ist das nicht unlogisch?

Viertens: Wie können die Verfasser sagen, dass sie keine »zusätzliche Bedingung für das Heil« aufstellen (S. 156), wenn sie wiederholt betonen, die Verheißung des ewigen Lebens und die Verheißung des Heils seien »an eine Bedingung geknüpft« (S. 166f. im Original), und »wenn wir nicht ausharren, gehen wir verloren« (S. 212f.)? Fügen sie dem Heil nicht eine Bedingung hinzu, wenn sie schreiben: »Wir müssen gehorsam sein, beten, dem Fleisch widerstehen und dem Geist den Vorrang geben, um das Heil zu erben« (S. 325)?

Ein fünftes Problem der Auffassung von Schreiner und Caneday ist ihr merkwürdiger Umgang mit den bedingten Warnungen der Bibel. Ihrer Meinung nach bedeuten die Warnungen nicht, dass die angedrohten Konsequenzen auch tatsächlich eintreffen können. »Die Warnungen und Ermahnungen beschreiben … nicht etwas, was wahrscheinlich eintreten wird, sondern etwas theoretisch Denkbares oder Vorstellbares« (S. 214). Ist es nicht eine merkwürdige Argumentation zu sagen, dass ein Warnschild an einem Berghang nicht bedeutet, dass ein Bergsteiger fallen kann? Warum dann das Schild?

Sechstens bestreiten die Autoren, dass die Bibel einen Unterschied zwischen Gläubigen und Jüngern macht. »Wenn wir nicht uns selbst verleugnen und unsere sündigen Gelüste in den Tod geben, werden wir unsere Seele verlieren« (S. 139). Wird dem Heil damit nicht noch eine Bedingung hinzugefügt? Umgekehrt verlieren Schreiner und Caneday kein Wort über Christen, die sich wegen nicht bekannter Sünde außerhalb der Gemeinschaft mit Christus befinden (1Kor 3,1–3; 1Joh 1,9) und keine geistliche Frucht bringen (Joh 15,1–5). Und wenn Paulus von seinem Wunsch schreibt, nicht verwerflich zu werden (1Kor 9,27), deuten die Verfasser das so, als ob Paulus in Sorge darüber wäre, »das Heil zu erlangen und nicht am Tag des Gerichts verdammt zu werden« (S. 182 im Original). Paulus’ Worte in diesem Vers seien eine Warnung an ihn selbst und an alle Christen: Es sei notwendig auszuharren, um das Heil zu erlangen. Tatsächlich kann Paulus seine Errettung nicht bezweifelt haben, denn anderswo betont er die Gewissheit seines Heils. Vielmehr spricht er hier von seinem Wunsch, wegen Untreue im Dienst nicht Gottes Missbilligung zu erfahren und dadurch Lohn im Himmel zu verlieren.

Die Autoren behaupten auch, dass Mt 10,22 (»Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden«) sich auf das Heil beziehe. Dabei beachten sie jedoch nicht, dass Jesus hier zu seinen Jüngern über treuen Dienst angesichts von Widerstand spricht und nicht über das Heil. Sie erörtern auch nirgendwo die sehr ähnliche Aussage Jesu in Mt 24,13, die sich klar auf Gläubige in der Drangsalszeit bezieht, die nicht den Märtyrertod erleiden werden.

Schreiner und Caneday sagen, dass Gläubige Heilsgewissheit haben können, doch diese hänge von Gottes Verheißungen, von der Frucht des Geistes und vom Zeugnis des Geistes ab. Aber wie können sie dann überhaupt von Heilsgewissheit reden? Ihr Bemühen, Gläubigen die Möglichkeit der Heilsgewissheit zuzusprechen, wird von ihrer Ansicht über Ausharren zunichte gemacht, denn sie betonen entschieden, es gebe keine »Sicherheit unabhängig von ausharrendem Glauben« (S. 244). Wenn ein Gläubiger bis zu seinem Tod nicht weiß, ob er im Wettlauf um den Preis des ewigen Lebens ausgeharrt hat, wie kann er dann je Heilsgewissheit haben?

Die Autoren versichern, dass alle Gläubigen ausharren werden. Wenn das so ist, warum ist dann die Ansicht von der Verlierbarkeit der Belohnung »eine radikale Auffassung von ›ewiger Sicherheit‹« (S. 25)? Warum ist es radikal (anscheinend meinen sie unbiblisch) zu sagen, dass man das Geschenk des ewigen Lebens in dem Moment bekommt, in dem man an Jesus Christus glaubt (Joh 3,16)? Warum ist es radikal zu sagen, dass ein Gläubiger, der kein Leben in Heiligung führt (1Kor 3,1–3), keine Belohnung erhalten wird (V. 12–13)? Warum ist es radikal zu sagen, dass man allein aufgrund des Zeugnisses des Wortes Gottes Heilsgewissheit haben kann (Joh 5,24)?

Ist es nicht vielmehr radikal zu sagen, dass jemand zwar ewiges Leben haben kann, es aber nicht empfangen wird, wenn er nicht ausharrt? Ist es nicht radikal zu sagen, dass das ewige Leben – ein Geschenk Gottes – ein Preis ist, um den man kämpfen muss? Ist es nicht radikal, einerseits zu sagen, dass das Heil nicht durch Werke erlangt werden kann, und andererseits, dass jemand ein geheiligtes Leben führen, sich selbst verleugnen und gehorchen muss, um das Heil zu erlangen? Ist es nicht radikal, einerseits zu sagen, dass man seines Heils gewiss sein kann, und andererseits, dass man »den Wettlauf mit zäher Beharrlichkeit laufen muss, um den Preis des ewigen Lebens zu erlangen« (S. 314 im Original)?

Diese Ansicht über Ausharren kommt der Errettung durch Werke gefährlich nahe, und sie gibt keinem Gläubigen absolute, uneingeschränkte Heilsgewissheit. Wie dankbar können Gläubige sein, dass sie das Geschenk des ewigen Lebens besitzen, dass sie aufgrund des Wortes Gottes Gewissheit haben dürfen und dass sie durch Gottes Gnade allein durch Glauben an Jesus Christus erlöst, gerechtfertigt und von Schuld befreit sind, unabhängig von irgendeiner anderen Anstrengung oder Bedingung ihrerseits!

Kommentare:

  1. Danke für die Buchbesprechung!

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  2. Erfahre soeben, dass der Rezensent Roy B. Zuck vorgestern im Alter von 81 Jahren heimgegangen ist.

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  3. Zuck hat "Mit Ausharren laufen" tatsächlich nicht verstanden! Schreiner/Caneday bestreiten vehement, dass ein Gläubiger vom Glauben abfallen kann. Vielmehr betonen sie, dass der gleiche Gott, der jemanden aus Gnade errettet, ihn auch aus Gnade bis zum Tod bewahrt, so dass er im Glauben ausharrt. Allerdings gibt es keine Errettung für solche, die "im Glauben Schiffbruch" erleiden. Allerdings sind diejenigen, die "im Glauben Schiffbruch" erleiden, nie wirklich gerettet gewesen. Insofern ist ihre Position viel näher an der "Echtheit des Glaubens" als bei der Arminianischen.

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