Freitag, 22. Februar 2013

Überflüssige Stützen

Roger E. Olson, Theologieprofessor an der Baylor University, bezeichnet sich selbst zwar als Arminianer, veröffentlichte aber letztes Jahr in seinem Blog eine treffende Illustration der biblischen Botschaft von der Freien Gnade. Hier eine deutsche Übertragung.

Im Jahre 1689 war die englische Stadt Windsor in Aufruhr. Die Stadtväter hatten den berühmten Architekten Sir Christopher Wren, der auch die St Paul’s Cathedral in London entworfen hatte, damit beauftragt, ein neues Rathaus zu errichten. Der Bau war ausgeführt worden wie gewünscht – mit einer Ausnahme.

Im Erdgeschoss unterhalb ihres Sitzungssaals hatten die Stadtväter einen »Kornmarkt« vorgesehen – einen nach außen hin offenen Bereich, in dem Bauern ihre Waren ausstellen und verkaufen könnten. Als die Ratsherren das neue Gebäude inspizierten, waren sie bestürzt. Wren hatte für die Decke zwischen Kornmarkt und Sitzungssaal eine neue Bautechnik verwendet, die ohne Säulen auskam (außer natürlich an den Seiten). Für die Stadtväter war klar, dass der Boden des Sitzungssaals bald unter ihrem Gewicht zusammenbrechen würde. Sie bestanden darauf, dass Wren in der Mitte des Kornmarkts vier zusätzliche Säulen einzog, um die Decke zu stützen. Wren weigerte sich: Die Säulen würden die Schönheit des Gebäudes zerstören, und sie seien auch nicht notwendig – es bestehe keine Gefahr, dass die Decke zusammenbreche. Doch die Ratsherren blieben hartnäckig: Die Säulen seien zu errichten. Widerstrebend stimmte Wren zu, und in den folgenden Monaten konnte jeder sehen, wie seine Arbeiter die geforderten vier Säulen einbauten.

Viele Jahre nach der feierlichen Einweihung brauchte die Decke des Kornmarkts einen neuen Anstrich. Als die Arbeiter ihr Gerüst aufstellten, bemerkten sie etwas Seltsames. Wrens Säulen berührten die Decke gar nicht. Der Zwischenraum zwischen ihrem oberen Ende und der Decke war so klein, dass er nur bei genauem Hinsehen auffiel. Die Decke hatte die ganze Zeit über keine Unterstützung gehabt – außer in der Fantasie der Ratsherren. Als dies entdeckt wurde, war Wren bereits tot. Die Stadtväter ließen den Zwischenraum »für alle Fälle« ausfüllen.

Wie Wrens trügerische Säulen sind auch unsere guten Werke, ob sie nun unsere Errettung (Rechtfertigung) oder unser Ansehen bei Gott (Heiligung) aufbessern sollen, höchstens psychologische geistliche Krücken. Das Evangelium der freien Gnade Gottes ist uns manchmal so unbehaglich, dass wir der Gnade irgendetwas hinzufügen möchten, um unseren Wert in Gottes Augen zu steigern. Es kann auch sein, dass unsere geistlichen Leiter solche Leistungen von uns verlangen. Doch so schön sie auch sein mögen, alle diese guten Werke erreichen nicht die Schönheit der »ungestützten« Gnade, dieses freien Geschenks der Gunst Gottes durch das Kreuz Jesu Christi, sondern beeinträchtigen sie vielmehr. »Denn aus Gnade seid ihr errettet durch Glauben, und das nicht aus euch« (Eph 2,8).

P.S.: Die obige Geschichte ist historisch leider nicht verbürgt, aber das dürfte für so manche Predigtillustration gelten ...

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