Dienstag, 1. Januar 2013

Chafer über Evangeliumsverkündigung

Im letzten Kapitel seines Buches Unser Heil, Kapitel XII »Ein Aufruf«, appelliert Chafer zunächst an ungläubige Leser, das Heil in Christus anzunehmen, und dann an gläubige Leser, das Evangelium richtig zu verkündigen. Falsche Schwerpunktsetzung in der Evangelisation kann, so der Autor, »zu ewigem Unheil und Weh führen«. Von den vier Fehlern, die er nennt, sind die ersten drei auch für die heutige calvinistische Lordship-Verkündigung charakteristisch:
Viel zu oft wird die Meinung vertreten, predigen über die Sünde sei Verkündigung des Evangeliums. Manchmal mag ja der Grund zu solchem Predigen in dem Versuch liegen, das Schuldgefühl über vergangene Sünde zu verstärken. Eine solche Botschaft könnte nur insofern von Wert sein, als sie den Weg für das Evangelium vorbereitet. In sich selbst ist diese Botschaft nie und nimmer die »gute Neuigkeit« von der rettenden Gnade. Die Menschen müssen nicht erst eine vorgeschriebene Linie der Sündenerkenntnis erreicht haben, um gerettet zu werden. Allein das eine müssen sie wissen, was auch immer ihre von Gott erkannte Sünde sei, sie ist schon auf sein sühnendes Lamm gelegt. Es ist an ihnen, nur die herrliche Botschaft zu glauben!
Hin und wieder wird gegen die Sünde gepredigt, um die Menschen zu ermutigen, von der Sünde zu lassen. Das aber ist nicht nur sehr oberflächlich, sondern auch ganz unbiblisch. Die Ungeretteten sind »tot in Uebertretungen und Sünde« und sind »in der Macht der Finsternis«. Sünde ist eine »Natureigenschaft« sowohl als eine Tätigkeit. Der gefallene Mensch wäre verloren, wenn er nicht gesündigt hätte. Er muß »von oben geboren werden«, und das nicht als Mittel, um seine vergangene Tätigkeit zu korrigieren, sondern um seiner gefallenen Adamsnatur willen. Da er geistlich tot ist, muß ihm geistliches Leben gegeben werden. Keine sittlich-moralische Erneuerung vermag den Zustand des Gefallenseins zu ändern. Wenn gegen die Sünde gepredigt wird, muß immer bedacht werden, daß die Nichtgeretteten überhaupt nicht aufhören können zu sündigen. Wenn sie den Retter gefunden haben, so empfangen sie beides, die Kraft, die Sünde zu meiden[,] und die Neigung, sich von der Sünde abzukehren.
Oft herrscht auch die Meinung, die Verkündigung christlicher Lebensführung sei Predigt des Evangeliums. Sünder werden da aufgefordert »im Lichte zu wandeln«, zu beten, die Bibel zu lesen, ihre Sünden zu bekennen oder Buße zu tun. Im Gegenteil, sie haben ja kein Licht, in dem sie wandeln könnten, keinen Zutritt zu Gott im Gebet, kein Verständnis der Schrift getrennt von der Botschaft der rettenden Gnade, die der Geist gebrauchen will zu ihrem Heil. Sie stehen in keinem solchen Verhältnis zu Gott, daß ihr Bekenntnis irgendwie fruchtbar für sie wäre. Sie sind schon gerettet [engl. They are already condemned = verurteilt, verdammt!]. Sie können von sich aus ihre Einstellung nicht ändern oder Buße tun. Sie können durch die Kraft des Heiligen Geistes an Christus glauben, und solches Glauben schließt jene Aenderung ihrer Einstellung oder ihre Buße ein, die dem »Nichtgeretteten« möglich ist. Sie begegnen da der Offenbarung von dem Retter, der wartet, um zu retten. An Ihn muß geglaubt werden. Alles andere dient allein dazu, den Tag hinaus zu schieben, der uns das Heil schenkt. (S. 157–159)
Der vierte Fehler ist eher in der landläufigen kirchlichen Verkündigung zu finden:
Die Menschen im Glauben bestärken, Gott werde schon gnädig sein, ist nicht Predigt des Evangeliums. Solches Predigen läßt ja das Kreuz völlig außer Betracht. Unser Heil aber ist nicht einfach eine Tat göttlichen Großmutes oder göttlicher Milde. Unser Heil ist möglich, weil die Liebe Gottes schon alles vollbracht hat, was einem Sünder je not tun könnte. Der Sünder wird nicht dadurch gerettet, daß er Gott um seine Güte anfleht: Er ist gerettet durch den Glauben, daß Gottes Güte längst wirklich geworden ist. An diesem Ort ist der genaue Platz des Kreuzes in der Botschaft des Evangeliums. (S. 159)
Abschließend fasst Chafer noch einmal kurz zusammen, was Evangeliumsverkündigung tatsächlich beinhalten muss:
Das Evangelium verkünden ist nichts anderes, als dem Menschen etwas von Jesus Christus und dem Werk zu erzählen, das er vollbracht hat, und dieses haben sie zu glauben. Das ist der einfachste Maßstab, mit dem jeder Aufruf an die Menschen, sich retten zu lassen, gemessen werden kann. Das Evangelium ist nicht verkündigt worden, so lange die Verkündigung nicht eine persönliche Botschaft von einem gekreuzigten und lebendigen Retter ist, dargeboten in der Form, daß die Antwort nichts anderes als ein persönlicher Glaube sein kann.
Der Heiland spricht: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer an mich glaubt, hat ewiges Leben!« (S. 159)
Quellennachweis: Unser Heil von Prof. Dr. Lewis Sperry Chafer, Präsident des theologischen Seminars, Dallas, Texas (USA). Uebersetzung von H. Doebeli, Pfarrer, Bilten (Glarus). Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft St. Gallen 1944. 176 Seiten.

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