Mittwoch, 26. Dezember 2012

Chafer über Heilsgewissheit

In Kapitel VIII seines Buches Unser Heil behandelt Chafer »Die Gewißheit des Heils«. Gleich zu Beginn macht er unmissverständlich klar, worauf sich Heilsgewissheit allein gründen kann – nicht auf den eigenen Lebenswandel, sondern auf das Werk Christi:
Immerhin erscheint es vielen Leuten als eine übertriebene Vermessenheit, daß ein Mensch seines Heils wirklich gewiß sein könne. Wo diese Gewißheit fehlt, geschieht es gewöhnlich auf Grund der irrigen Ansicht, es sei unvernünftig, so lange ja doch das Alltagsleben so unvollkommen sei (und sicherlich wäre es mehr als unbescheiden, das Gegenteil zu behaupten)[,] mehr zu wollen als zu hoffen, daß es am Ende durch Gottes gnädige Fügung doch nicht so schlimm aussehen werde. Diese Gedanken machen aber deutlich, daß der Mensch, der sich solchen Meinungen hingibt, nie aufgehört hat, sich auf die eigenen Werke und Verdienste zu verlassen, anstatt ganz allein nur auf das allgenugsame Werk und Verdienst Christi zu bauen. Wenn das Heil nur im geringsten von der persönlichen Rechtschaffenheit und Güte eines Menschen abhängen würde, dann gäbe es in der ganzen Welt überhaupt keinen einzigen Geretteten und daher auch keinen Grund zur Gewißheit des Heils. Die ewige Rettung ist nicht denen verheißen, die im Sinne haben, »gut« oder »religiös« zu sein, noch ist sie denen garantiert, die hoffen, Gott selbst werde ihnen am Ende gnädig und barmherzig gesinnt sein. Sie ist jedoch all jenen hilf- und verdienstlosen Sündern verheißen, die willig sind zu glauben, daß Gott barmherzig und gnädig gewesen ist, indem er »in Christus« alles vorgekehrt hat, nicht nur was uns jetzt Not ist, sondern auch alles das, was wir in der Zeit und in der Ewigkeit bedürfen. (S. 93f.)
Der letzte Satz richtet sich offenbar gegen die weitverbreitete, oft eher unbewusste Annahme, Christus sei nur für die Sünden vor unserer Bekehrung gestorben, für die Sünden danach seien wir quasi selbst verantwortlich.

Zu der auch im Free-Grace-Lager umstrittenen Frage, ob Heilsgewissheit ein untrennbarer Bestandteil des rettenden Glaubens ist, äußert sich Chafer nur vorsichtig:
Die Stellung, die einer dieser Frage der Heilsgewißheit gegenüber einnimmt, mag also gewissermaßen ein Maßstab dafür sein, ob einer wirklich an Christus glaubt. Allerdings darf nicht angenommen werden, daß dies in allen Fällen Gültigkeit habe. (S. 94)
Überhaupt sei die Fixierung auf die Art des Glaubens immer noch eine ungesunde Beschäftigung mit sich selbst:
Zweifel mag an diesem Punkte manchmal darüber entstehen, ob einer auch wirklich recht glaube, um gerettet zu werden. Aber solch ein Zweifel hat es immer noch mit dem eigenen Ich zu tun und nicht mit Gott. […] Es kann keine wirklich tiefgehende Ueberzeugung und Gewißheit erwachsen in einem Herzen, wenn der betreffende Mensch sich immer wieder wundert, ob sein Glaube nun auch wirklich der rettende sei, und in dem keine Eindrücke der Gewißheit Wurzel fassen dürfen. (S. 95f.)
Zu dieser ständigen Ungewissheit könnten selbst christliche Lieder beitragen:
Das Vertrauen in die Treue Gottes kann nicht gedeihen, wo einer stets wieder Lieder singt, die eigentlich die Lage der Ungeretteten beschreiben, wie Lieder, die die Einladung enthalten, »zum Kreuz zu kommen«. Diese Sache kann doch ein für allemal als erledigt gelten, so weit unser Heil in Betracht kommt, viel eher sollen und dürfen wir uns mit den Segnungen befassen, die denen zugesichert sind, die geglaubt haben. (S. 96)
Wer gar nicht zur Gewissheit kommen kann, dem empfiehlt Chafer als letztes Mittel, sich an sein Bekehrungserlebnis zu erinnern:
Wenn es nötig sein sollte, so mag solch ein Mensch den Tag und die Stunde sich merken, wo er zu dieser Entscheidung kam, und dann laß ihn tief genug an die Entscheidung glauben, um Gott zu danken für seine rettende Gnade und Treue, und dann in jeder Tat und jedem Wort behandle er diese Entscheidung als letzte und wirkliche. (S. 95)
Die Formulierung »an die Entscheidung glauben« rief im Lordship-Lager – nicht ganz zu Unrecht – Kritik hervor (John MacArthur: The Gospel According to the Apostles, Nashville 1993, S. 176f.); zu beachten ist aber, dass Chafer hier nicht den Regelfall beschreibt, sondern nur die Ultima Ratio für solche, bei denen jedes andere Mittel versagt hat.

Ein wesentlicher Streitpunkt in der Lordship-Debatte ist die Frage, ob und wie sich der Glaube im praktischen Leben auswirken muss. Chafer nimmt hier eine gemäßigte Position ein:
Es ist undenkbar, daß Christus in einem Menschenherzen Wohnung nehmen könnte, ohne daß die Lebenserfahrungen dieses Menschen sich ändern würden. Es ist ja gar nicht anders denkbar, als daß unter diesen Voraussetzungen eine neue, lebendige Gemeinschaft mit Gott dem Vater, den Mitchristen und mit Jesus Christus selbst entstehen muß. Auch die persönliche Einstellung zum Gebet, zum Worte Gottes, zur Sünde und zu denen, die die Gnade in Christus noch nicht erfahren haben, wird eine total neue sein. Das ist die Ansicht des Apostels Jakobus, wenn er so ernstlich für die rechtfertigenden Werke eintritt. (S. 97f.)
Mit »Rechtfertigung« meine Jakobus jedoch etwas anderes als Paulus:
Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, daß Jakobus es bei diesen Werken mit der der Welt zugekehrten Seite des Glaubens zu tun hat und nicht mit unserer Stellung vor Gott. Der Mensch sieht nur das, was vor Augen ist[,] und urteilt auch dem entsprechend. Die Werke eines Christen können also in den Augen der Welt sein Bekenntnis allein rechtfertigen. Gott aber sieht das Herz an, da richten die Werke nichts aus. Vor Gott kann der Mensch allein durch den Glauben gerechtfertigt werden. Auch Jakobus macht das deutlich am Beispiel des Abraham (Jak. 2,23). (S. 98)
In jedem Fall dürften Werke – und damit schließt Chafer den Kreis zum Anfang des Kapitels – nicht als Grundlage der Heilsgewissheit dienen:
Müßten wir nur auf unsere Erfahrung als primäre Kundgebung unseres Heilszustandes vor Gott abstellen, dann wäre allerdings jeder Grund zur Gewißheit über unser Heil weggefegt. […] Daß der Sohn Gottes Wohnung in unseren Herzen gemacht hat, ist die eine bleibende Tatsache des neugeschaffenen Lebens in Ihm; diese aber darf nie verwechselt werden mit einer unvollkommenen und wechselnden Erfahrung des täglichen Lebens. Christus wird allein im Glauben empfangen. (S. 99f.)

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