Freitag, 30. November 2012

Chafer über die Voraussetzungen des Heils

Als Vater einer konsequenten Free-Grace-Theologie gilt Lewis Sperry Chafer (1871–1952), Mitbegründer und erster Präsident des Dallas Theological Seminary. Chafer hinterließ ein umfangreiches schriftstellerisches Werk, darunter eine achtbändige Systematische Theologie (1947). Im deutschsprachigen Raum ist er am ehesten durch die von John F. Walvoord herausgegebenen und bearbeiteten Grundlagen biblischer Lehre bekannt geworden (Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft 1994; engl. Major Bible Themes, 1974). Doch bereits 50 Jahre zuvor, noch zu seinen Lebzeiten, erschien bei der Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft St. Gallen (Schweiz) ein Buch Chafers in deutscher Sprache: Unser Heil (engl. Salvation, 1917), übersetzt von »H. Doebeli, Pfarrer, Bilten (Glarus)«. Der Schutzumschlag fasst den Inhalt folgendermaßen zusammen:
In den zwölf Kapiteln dieses Buches gibt uns der amerikanische Verfasser Lewis Sperry Chafer einen für die Gemeinde geschriebenen, jedem einfachen Bibelleser verständlichen Führer zu der zentralen Botschaft der Bibel in die Hand. Wir dürfen in diesem Werke vielleicht ein aus Amerika kommendes Echo auf den Ruf »zurück zum Wort« vernehmen.
Ausgehend von der Bedeutung des Wortes »Heil« im Neuen Testament führt der Verfasser hin zur Grundquelle des Heils – der Gnade Gottes in Jesus Christus –, wie sie sich im Kreuz offenbart, und weiter zur Gewißheit des Heils im Glauben an die von Gott vollbrachte Erlösung im Christus. Aber auch an den Folgen der Mißachtung der Gnade geht der Verfasser nicht vorbei, doch auch dies nur, um den Ruf noch eindringlicher werden zu lassen: »Lasset euch versöhnen mit Gott!«
Das Buch darf so als eine rechte Hilfe für jeden angesehen werden, »der da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit«. Im besonderen dürfte es auch jedem Sonntagsschullehrer und Jugendleiter gute Dienste leisten.
Bei allem Lob für die Zielsetzung des Buches war den Herausgebern der Dispensationalismus des Verfassers offenbar nicht ganz geheuer, denn in einem »Nachtrag« meinte der Übersetzer einige typisch dispensationalistische Aussagen Chafers richtigstellen zu müssen – z.B. dass das Vaterunser aus der Zeit »unter dem Gesetz« stamme oder Mt 24,13 sich auf Israel in der Drangsalszeit beziehe. (Man fühlt sich hier ein wenig an das seltsame Geleitwort zur deutschen Ausgabe des Walvoord-Bibelkommentars erinnert, in dem sich Dekan Kurt Hennig ebenfalls vom Dispensationalismus distanzieren zu müssen meinte, obwohl dieser eigentlich das Hauptmerkmal des Kommentars darstellt.)

Sprachlich wirkt die Übersetzung von Unser Heil heute etwas schwerfällig und altertümlich. Wegen seiner Seltenheit möchte ich dem Buch dennoch eine Reihe von Blogeinträgen widmen, in denen ich markante Äußerungen zur Free-Grace-Thematik zitiere. Ich beginne mit Kapitel V über »Die eine Voraussetzung zu unserem Heil«.

Chafer bestreitet entschieden, dass für die Errettung irgendwelche Werke notwendig seien:
Keine Seite des göttlichen Heilswerkes ist, wie die Bibel uns deutlich zeigt, im geringsten abhängig von menschlichen Verdiensten und Werken. Wenn auch großer Nachdruck und Wert auf die guten Werke gelegt wird, welche durch das Leben des Geretteten gezeitigt werden, so gehen diese eben der Errettung nicht voraus, noch bilden sie irgendwelche Grundlage für dieselbe. Aus diesem Grunde offenbart uns die Schrift, daß die erste Frage, die zwischen Gott und dem unerlösten Menschen geregelt werden muß, die ist, daß dieser Mensch in diesem Leben vor allem einmal Christus annimmt, ehe er seine Lebensführung ändert oder ändern kann, wie nötig dieses letztere auch sein mag. (S. 54f.)
Einzige Bedingung für das Heil sei der Glaube:
Dieses eine Wort »glauben« sagt alles, was der sündige Mensch tun kann[,] und ist auch alles, was ein Sünder tun muß, um gerettet zu werden. Es heißt also, der Botschaft glauben, die Gott uns von seinem Sohne gegeben hat. In dieser Botschaft wird uns gesagt, daß Er in die Nöte unseres verlorenen Lebens hineingetreten und von den Toten auferstanden ist, damit er ein lebendiger Retter sei für alle, die ihr Vertrauen in ihn setzen. Es ist jedem normal begabten Menschen möglich, zu wissen, ob er sein Vertrauen in den Retter gesetzt hat. Der Glaube, der uns rettet, ist eine Angelegenheit des persönlichen Bewußtseins. »Ich weiß, an wen ich glaube!« Sein ewiges Heil vollständig in die Hände eines andern legen ist eine geistige Entscheidung so definitiver Art, daß sie unmöglich mit etwas anderem verwechselt werden kann. Von diesem Legen des eigenen Seins in Christi rettende Gnade hängt unser ganzes, ewiges Geschick ab. Dieser einen Voraussetzung zu unserem Heil etwas beizufügen oder wegzunehmen ist sehr gefährlich. (S. 57f.)
Chafer nennt dann eine Reihe von »in die Irre führenden Auslegungen des Evangeliums«, darunter folgende, die an die moderne Lordship-Botschaft erinnert:
Ein ähnlicher Irrtum besteht darin, daß man im Unerlösten den Eindruck erweckt, heilbringende Kraft liege in dem Versprechen, »ein christliches Leben zu führen«. Ein Mensch aber, der nicht »wiedergeboren« ist, ist auch nicht vorbereitet auf alles, was die Führung eines wahrhaft christlichen Lebens bedeutet. Die Probleme, die hier entstehen, setzen die neue Dynamik voraus, die durch »die neue Schöpfung« geschenkt wird. Diese Probleme würden nichts als hoffnungslose Entmutigung hervorrufen, sollten sie wirklich von solchen Menschen betrachtet werden, die die »neue Geburt« noch nicht erfahren haben. Dadurch, daß zu viel Gewicht auf die künftige Lebenshaltung gelegt wird, ist die Gefahr groß, die Hauptsache, nämlich die Annahme Christi als des Heilandes, hinter allerlei nebensächlichen Dingen der »christlichen Lebensführung« verschwinden zu lassen. (S. 59)
Zum Thema Buße schreibt Chafer:
Es ist eine irrtümliche Einstellung, die Buße als eine dem Glauben vorausgehende und von ihm getrennte Tat zu werten. Diese Einstellung ist sehr oft gegründet auf Aussagen der Schrift, welche an das Bundesvolk Israel gerichtet waren. (S. 61)
In der gegenwärtigen Zeit fielen Buße und Glauben zusammen:
An Jesus Christus glauben heißt ja, die Allgenugsamkeit seiner rettenden Gnade erkennen und daran glauben. Es ist ganz natürlich, daß solch ein »glauben« jeden andern Grund der Hoffnung aufgeben und über seine Sünde solche Betrübnis erleben heißt, daß es zum Verlangen nach einem vollgültigen Retter führt. Es ist zweifelhaft, ob ein Sünder in dieser »gegenwärtigen bösen Welt –« fähig wäre, größere Betrübnis als diese zu zeigen, und was würde eine solche auch helfen? Es ist kaum zu ermessen, wie groß das Unrecht ist, das dadurch verursacht wurde, daß den Unbekehrten »dieses Zeitalters« nahegelegt worden ist, sie müßten ein gewisses Maß der Reue über ihre Sünde erlebt haben, eine Reue über etwas, über das sie keine Kontrolle haben können, ehe ihnen nicht die Gewißheit gegeben ist, daß ihnen der Weg zu Gott offen steht. Viele sind durch dieses Herumtasten in der Finsternis entweder falschen Illusionen oder dann hoffnungslosem Zweifel verfallen. Die Evangeliumsbotschaft ladet die Menschen nicht ein zu einem Leben in Trübsal und Schmerz oder zu bloßen »Werken der Buße«, sie ladet vielmehr dazu ein, daß die Menschen durch den Glauben Freude und Friede finden für ihr jetziges Dasein. Buße, wie die Bibel sie meint, ist eine völlige Umkehr der Geistesrichtung, und als solche ist sie ein ganz wichtiges Element des rettenden Glaubens, aber sie sollte nicht als etwas von diesem rettenden Glauben Getrenntes, für sich Alleinstehendes dargestellt werden. Der Nachdruck, den die Bibel »in diesem Zeitalter« auf die Buße legt, wird erst dann recht erfaßt, wenn der Sinn des Wortes »glauben« recht verstanden worden ist. (S. 63f.)

1 Kommentar:

  1. Danke für das Einstellen dieser Buchzitate - es
    tut gut, das zu lesen.

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