Donnerstag, 18. Oktober 2012

Pickering über »Lampen ohne Öl«

Das Manifest der neueren »Lordship«-Bewegung, John MacArthurs The Gospel According to Jesus (dt. Lampen ohne Öl), wurde vielfach rezensiert – zustimmend oder ablehnend, sachlich oder polemisch, oberflächlich oder gründlich. Eine der prägnantesten unter den kritischen Rezensionen stammt von dem amerikanischen Baptistenpastor Ernest D. Pickering (1928–2000) und erschien 1988 als Broschüre unter dem Titel Lordship Salvation (Minneapolis: Central Press). Nachstehend eine deutsche Übertragung.


Einleitung


Lampen ohne Öl ist ein Beitrag zu der seit einigen Jahren geführten Debatte über die genauen Bedingungen der Errettung. Verfasst von dem vielgelesenen, geachteten Bibellehrer John MacArthur, wird das Buch sicher ein Bestseller werden und die Diskussion kräftig anfachen – damit zugleich aber auch die evangelikale Christenheit noch weiter spalten.

Wenn man ein Buch dieser Art liest, fragt man sich immer: Warum hat der Autor es geschrieben? Die Antwort findet man in folgender Aussage:
»Diese oberflächliche Reaktion [des steinigen Bodens, Mt 13,20f.] grassiert in der Christenheit unserer Tage. Warum? Weil das Evangelium gewöhnlich mit dem Versprechen gepredigt wird, es gäbe Freude, Wärme, Gemeinschaft und Wohlgefühl, und man verschweigt die harte Forderung, sein Kreuz auf sich zu nehmen und Christus nachzufolgen« (John MacArthur: Lampen ohne Öl, Bielefeld: CLV ²2012, S. 137).
Dies ist im Grunde das Hauptanliegen MacArthurs: Das Evangelium sei zu leicht gemacht worden – es seien strengere Anforderungen nötig, als sie üblicherweise gestellt werden. Die Quintessenz seiner Argumentation lautet:
»Ewiges Leben ist in der Tat eine freie Gnadengabe […]. Das heißt aber nicht, sie sei kostenfrei in Bezug auf die Einwirkung der Errettung auf das Leben des Sünders. […] Natürlich erkennt ein junger Gläubiger im Augenblick seiner Bekehrung noch nicht die Tragweite des Herrseins Jesu. Aber ein wahrer Gläubiger möchte sich Ihm unterstellen. Gerade das unterscheidet ein echtes von einem scheinbaren Bekenntnis. Wahrer Glaube ist demütiger, ergebener Gehorsam« (S. 157f.).
Der Autor vertritt die sogenannte »Lordship Salvation«: Ein Sünder, der zu Jesus kommt, muss Glauben haben, aber rettender Glaube beinhaltet die bewusste Unterwerfung unter Christus als Herrn seines Lebens (vgl. S. 274). Schauen wir uns einige Hauptpunkte MacArthurs näher an.


1. Dispensationalismus


MacArthur scheint der Meinung zu sein, dass die von ihm kritisierte Oberflächlichkeit in der Evangeliumsverkündigung zum großen Teil auf das Konto dispensationalistischer Lehrer wie Lewis Sperry Chafer, Charles Ryrie und anderer geht. Er kritisiert Dispensationalisten, die lehren, Gesetz und Gnade schlössen einander aus und Errettung sei etwas anderes als Jüngerschaft. Man ist etwas schockiert über die Heftigkeit, mit der er solche Dispensationalisten angreift, während er sich gleichzeitig selbst als »traditionellen prämillennialen Dispensationalisten« bezeichnet (S. 25f.).

Warum MacArthur diese Haltung einnimmt, wird im weiteren Verlauf des Buches deutlich. Viele Bibelstellen, auf die er sich bei seiner Verteidigung der »Lordship Salvation« stützt, würden normale Dispensationalisten nicht auf das Evangelium und seine Verkündigung anwenden. Offensichtlich wurde sein Denken stark von reformierten Theologen beeinflusst; nicht ohne Grund haben einige von ihnen dieses Buch mit Begeisterung aufgenommen. Besonders geprägt hat ihn wohl der bekannte englische Ausleger Martyn Lloyd-Jones (1899–1981), der viele ähnliche Gedanken äußerte.

MacArthur kritisiert die strenge Unterscheidung zwischen dem »Zeitalter des Gesetzes« und dem »Zeitalter der Gnade«:
»In Wirklichkeit gehören beide Elemente, sowohl Gesetz als auch Gnade, zu dem Programm Gottes in jeder Dispensation« (S. 26).
Mit dieser Kritik schießt er allerdings am Ziel vorbei. Die meisten Dispensationalisten haben nie behauptet, im Zeitalter (oder in der Dispensation) des Gesetzes sei keine Gnade erkennbar gewesen. Vielmehr lehren sie, dass das leitende Prinzip im Zeitalter des Gesetzes ein anderes war als im Zeitalter der Gnade. Auch bedeutet diese Auffassung nicht, dass der Christ, weil er unter der Gnade steht, keine Leitlinien für sein Leben hätte und daher tun könnte, was er will. Dispensationalisten sind keine »Antinomisten« (wie einer der reformierten Theologen meint, dessen Empfehlung auf dem Buchumschlag abgedruckt ist). Tatsache ist, dass das Gesetz »beseitigt« (Eph 2,15) und vergangen ist (2Kor 3,11), aber das hat nicht erst Darby oder Scofield gelehrt, sondern bereits der Apostel Paulus.


2. Rettender Glaube


Mehrere Male und auf verschiedene Weise betont MacArthur, dass rettender Glaube mehr sei als bloße mentale Zustimmung:
»Rettender Glaube ist mehr als nur das Verstehen von Tatsachen oder das gefühlsmäßige Hinnehmen« (engl. mentally acquiescing – in der deutschen Übersetzung sehr ungenau wiedergegeben; S. 32).
Wir kennen keinen bibeltreuen Evangelisten, der dem widersprechen und etwas anderes lehren würde. Die alte Scofield-Bibel definierte Glauben als »persönliches Vertrauen auf den Herrn Jesus Christus ohne verdienstvolle Werke«. Die Ryrie-Studienbibel erklärt:
»Sowohl Paulus als auch Jakobus definieren Glaube[n] als lebendiges, fruchtbringendes Vertrauen auf Christus« (Die Ryrie-Studienbibel, Witten/Dillenburg: R. Brockhaus / Christliche Verlagsgesellschaft 2012, S. 1508, Anm. zu Jak 2,14).
MacArthur klagt in diesem Zusammenhang:
»Die heutige Christenheit akzeptiert allzu leicht eine seichte Buße, die keine Früchte trägt« (S. 107).
Dieses Thema durchzieht das ganze Buch. Das empfohlene Heilmittel besteht letztlich darin, von der suchenden Seele mehr zu verlangen, als die Bibel verlangt. Anstatt »nur« an das vollbrachte Werk Christi zu glauben, muss der Sünder auch bereit sein, Christus die Herrschaft über jeden Bereich seines Lebens zu übergeben. Damit wird dem Evangelium jedoch etwas hinzugefügt, das in der Schrift nicht zu finden ist. Charles Ryrie hatte sicher Recht, als er schrieb:
»Die Botschaft, nur zu glauben, und die Botschaft, zu glauben und das Leben der Herrschaft Jesu zu unterstellen, können nicht beide das Evangelium zur Errettung sein« (Ausgewogen statt abgehoben. Der Weg zu einem echten geistlichen Leben, Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft 2007, S. 221).
An dieser Stelle sollte auch MacArthurs Auffassung über Buße erwähnt werden. Er legt großen Nachdruck auf Buße und wirft modernen Evangelisten vor, falsche Ansichten darüber zu vertreten. Für ihn ist Buße
»die Umorientierung des menschlichen Willens, die entschlossene Entscheidung, der Ungerechtigkeit den Rücken zu kehren und stattdessen der Gerechtigkeit nachzustreben« (S. 183). »Keine Evangelisation, die die Buße verschweigt, kann zu Recht die gute Botschaft genannt werden« (S. 188).
Im Neuen Testament bedeutet Buße so viel wie »Sinnesänderung«. Wahre Buße heißt, seine Meinung über die Sünde, über Gott und über den Herrn Jesus Christus zu ändern. Buße ist kein vom rettenden Glauben getrennter Vorgang, sondern Teil davon. Wenn ich an den Erretter glaube, denke ich auch anders über meine Sünden. Man kann nicht im neutestamentlichen Sinne des Wortes »glauben«, ohne zugleich »Buße zu tun«. Allerdings heißt glauben nicht, »bereit zu sein, alles aufzugeben, was Gott missfällt«. Es heißt, von ganzem Herzen zu akzeptieren, was die Bibel über meine Sünde und über Christi Opfer für mich sagt.


3. Fleischliche Christen


MacArthur lehnt die Unterscheidung zwischen fleischlichen und geistlichen Christen ab. Das ist ein bekannter Standpunkt, insbesondere unter reformierten Theologen wie Lloyd-Jones (s.o.). Sie scheinen zu denken, wenn man die Existenz »fleischlicher Christen« zugestehe, suche man nur nach einem Weg, den lockeren Lebenswandel von Bekennern zu entschuldigen. MacArthur sieht einen Zusammenhang zwischen dieser Unterscheidung und der zwischen Errettung und Jüngerschaft. Für ihn ist jeder Gläubige ein »Jünger«.

Wer von »fleischlichen« Christen spricht, verwendet zunächst einmal nur die Ausdrucksweise der Schrift. Paulus schreibt von »Fleischlichen« (1Kor 3,1) und erläutert in den folgenden Versen auch, woran man sie erkennen kann. Wer die Existenz solcher Menschen leugnet, könnte in seiner eigenen Gemeinde wahrscheinlich eine beträchtliche Anzahl davon finden! Man kann »fleischliche« Christen nicht einfach dadurch verschwinden lassen, dass man als Bestandteil rettenden Glaubens die Unterwerfung unter Christi Herrschaft fordert. Selbst wenn das geschähe, wäre damit noch nicht garantiert, dass der Neubekehrte sich auch später in jedem speziellen Punkt, mit dem er konfrontiert würde, der Herrschaft Christi unterstellen würde. Wenn er es nicht täte, würde er zum »fleischlichen« Christen, der »nach dem Fleisch« und nicht »nach dem Geist wandelt« (vgl. Röm 8,4).

In seinem Eifer trifft MacArthur einige extreme Aussagen, die für die große Mehrheit bibeltreuer Evangelisten nicht repräsentativ sind, z.B. folgende:
»Jeder, der behauptet, er habe ›Christus angenommen‹, wird jubelnd der Gemeinde zugezählt, selbst wenn aus dem unterstellten Glauben später nichts als permanenter Ungehorsam, grobe Sünden und feindseliger Unglaube hervorkommt« (S. 109).
In einer Anmerkung zu 1Kor 3,3 gibt MacArthur zu, dass die korinthischen Gläubigen »auf fleischlichen Wegen« wandelten (S. 277). Ist das wirklich etwas völlig anderes als zu sagen, dass sie »fleischliche Christen« waren?


4. Evangelistische Aufrufe


»Die Erkenntnis mag überraschen, dass die Schrift den Sünder niemals auffordert, ›Christus anzunehmen‹« (S. 119).
Wenn wir Sünder bitten, Jesus Christus als ihren persönlichen Erretter anzunehmen, verwenden wir – so der Autor – eine falsche Ausdrucksweise (S. 106). Unter Bezugnahme auf Joh 1,11f. betont er:
»Christus im biblischen Sinne anzunehmen, ist mehr, als Ihn nur zu ›akzeptieren‹« (S. 278).
Die Erklärung dieses Unterschieds bleibt jedoch unbefriedigend. MacArthur schreibt:
»Die Bekehrung ist also nicht in erster Linie die Entscheidung des Sünders für Christus; sie ist vor allem Gottes souveränes Werk. Er gestaltet den Einzelnen um« (S. 119).
Anscheinend folgt er hier der Idee einer ordo salutis (Heilsordnung), wonach die Wiedergeburt dem Glauben vorausgeht. Aber wie auch immer: Es ist nicht zu leugnen, dass der Sünder eine Entscheidung treffen muss. Er muss »an den Herrn Jesus Christus glauben«, er muss »Buße tun und an das Evangelium glauben«. Die Bibel betont den Aufruf an den Sünder. Jesus warf den Sündern seiner Zeit vor: »Ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt« (Joh 5,40). Auch wenn es Gott ist, der rettet, besteht immer noch die Verantwortung zu kommen, und wir als treue Zeugen müssen diese Einladung aussprechen.


5. Das Evangelium Jesu


»Es ist ein Fehler schlimmster Sorte, wenn wir die Lehren des Paulus und der anderen Apostel den Worten unseres Herrn gegenüberstellen und uns einbilden, sie widersprächen einander oder sie seien an verschiedene Dispensationen (Haushaltungen) gerichtet. […] Wohl war das Evangelium Jesu vor Seinem Tod und Auferstehen noch nicht vollendet, doch enthielt Seine Predigt schon alle Elemente, die dazugehören« (S. 241).
Das ist eine sehr merkwürdige Aussage für jemand, der von sich behauptet, Dispensationalist zu sein. Wie MacArthur selbst zugibt, gab es vor dem stellvertretenden Tod des Erretters und seiner Auferstehung aus dem Grab noch kein vollständiges Evangelium zu verkündigen. Wie hätten die Juden in Palästina, die Jesu Predigt hörten, einer »guten Nachricht« glauben können, die zu dieser Zeit außer in prophetischen Äußerungen noch gar nicht existierte? Nachdem Christus gestorben und auferstanden und der Heilige Geist herabgekommen war, sollten Evangelisten mit der rettenden Botschaft bis an die Enden der Erde gehen (Lk 24,45–49). Es ist MacArthur, der hier einen »Fehler« macht, nicht diejenigen, die zwischen der Dispensation des Gesetzes, unter der Christus seinen irdischen Dienst tat, und der Dispensation der Gnade, unter der wir heute arbeiten, einen Unterschied sehen.

MacArthur findet das rettende Evangelium Jesu an den seltsamsten Stellen. Jesus ermahnte die Menschen z.B. folgendermaßen: »Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach!« (Mk 8,34). MacArthur behauptet:
»Hier geht es ausdrücklich um ewiges Leben und um Errettung« (S. 151).
Er verkennt dabei den Unterschied zwischen Errettung und Jüngerschaft. Errettung ist kostenlos; Jüngerschaft ist teuer. Errettung geschieht dadurch, dass man das Werk am Kreuz annimmt; Jüngerschaft zeigt sich darin, dass man sein Kreuz aufnimmt (sich täglich dem Willen Gottes unterwirft). Jesus gibt hier keine Belehrungen darüber, wie man in den Himmel kommt, sondern wie diejenigen, die wissen, dass sie in den Himmel kommen, ihm nachfolgen sollen.

Über das Gleichnis vom Hausherrn, der zu verschiedenen Tageszeiten Arbeiter einstellt und ihnen dann denselben Lohn bezahlt (Mt 20,1–16), sagt MacArthur:
»Es geht hier um die völlige Gleichheit des ewigen Lebens« (S. 166).
Man sucht in diesem Gleichnis jedoch vergebens nach irgendeinem Hinweis auf das Evangelium oder das ewige Leben. Es handelt von der souveränen Verteilung von Lohn für geleisteten Dienst, nicht vom Empfang des Heils.

MacArthur sieht keinen Unterschied zwischen Jesu Verkündigung des Reiches und der Botschaft des Evangeliums:
»Welche Ausdrücke der Herr auch brauchte […], im Grunde ging es bei der Botschaft Jesu immer um das Evangelium der Errettung« (S. 99).
Nicht alle Dispensationalisten denken über die Auslegung der Bergpredigt gleich, aber meines Wissens unterstützt keiner von ihnen die Ideen, die MacArthur vorbringt. Er behauptet, die Bergpredigt sei »reines Evangelium« (S. 200), und Jesu Aufruf in Mt 7,13f., durch die enge Pforte einzugehen, bringe »die Bergpredigt zu ihrem evangelistischen Höhepunkt« (S. 200). Wie das möglich sein soll, bleibt rätselhaft. Nirgendwo in der Bergpredigt ist das »Evangelium« zu finden. Sie war nicht als Evangeliumsverkündigung gedacht, sondern an Jesu Jünger gerichtet, die bereits Gläubige waren.

Nach MacArthur widerspricht Jesu Aussage über die enge und die weite Pforte
»der modernen Ansicht, die Errettung sei einfach zu bekommen« (S. 204).
Dieser Gedanke zieht sich durch das ganze Buch. Jesu Worte in Mt 7, so heißt es, stünden der populären Lehre entgegen,
»zum Christwerden gehöre nur das Glauben an einige Fakten und dass man irgendwo etwas unterschreibt, ›nach vorne kommt‹, die Hand hebt oder das ›richtige‹ Gebet spricht« (S. 204).
Vielleicht können solche Ideen einigen leichtsinnigen und oberflächlichen Eiferern vorgeworfen werden, aber sie sind eine Karikatur der Vielzahl ernsthafter und besorgter Evangelisten, die Sünder dazu auffordern, dem Gebot des Neuen Testaments zu gehorchen: »Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden« (Apg 16,31). Damit meinen sie nicht, dass man »nur einige Fakten glauben« soll. Sie meinen, dass der gottlose Sünder eine wunderbare Person, die durch Gnade das Heil für ihn bewirkt hat, annehmen und an sie glauben soll. Sie meinen, dass es einen entschiedenen Akt des Glaubens geben soll, der ausschließlich auf dem Werk des Erretters ruht.

Was ist die biblische Definition des Evangeliums? »Dass Christus für unsere Sünden gestorben ist […] und dass er begraben wurde und dass er auferweckt worden ist« (1Kor 15,3f.). Diese Botschaft ist nicht dasselbe wie die Bergpredigt oder der Aufruf, sein Kreuz aufzunehmen. Die Botschaft des Evangeliums handelt von der freien Gnade, die vom Kreuz ausströmt und die der Sünder durch einfachen Glauben annehmen kann. Ist das ein »leichtes« Evangelium? Es hängt davon ab, was man damit meint. Ganz gewiss war es nicht leicht zu erwirken; der Preis war hoch – Gottes Sohn musste dafür leiden und sterben. Wenn leicht »einfach« bedeutet, d.h. unkompliziert und frei zugänglich für den Sünder, ist das Evangelium sicher »leicht«. Wenn man mit leicht jedoch meint, Verfechter der »freien Gnade« würden ein Leben hemmungsloser Sünde nach der Bekehrung entschuldigen, kann unsere Antwort nur die des Apostels Paulus sein: »Das sei ferne!« (Röm 6,2.15)

MacArthur greift Dispensationalisten an, die seiner Meinung nach zu lockere Ansichten über die Anforderungen der Errettung vertreten. Das ist jedoch keine faire und ausgewogene Darstellung dessen, was führende Dispensationalisten lehren. In der Fußnote zu 1Joh 3,4 sagt die Scofield-Bibel:
»Hier wie an ähnlichen Stellen dieses Briefes hat das griechische Zeitwort die Bedeutung einer beständigen Gegenwartsform (vgl. 3,6.9; 5,18), und dadurch wird die dauernde Haltung einer Person gegenüber der Sünde bezeichnet, die sich in seinem Tun oder Nichttun derselben ausdrückt. Johannes […] betont die Tatsache, daß ein Gläubiger nicht fortfahren kann zu sündigen, weil er von Gott geboren ist« (Scofield-Bibel. Revidierte Elberfelder Übersetzung, Wuppertal/Zürich: R. Brockhaus 1992, S. [NT] 367).
Zane Hodges und einige andere Dispensationalisten mögen vielleicht anders darüber denken, aber die Scofield-Fußnote spiegelt doch eine unter Dispensationalisten weitverbreitete Auffassung wider. J. Ronald Blue, der im Walvoord-Bibelkommentar den Jakobusbrief ausgelegt hat, schreibt über das Verhältnis zwischen Glauben und Werken:
»Geistliche Werke sind der Beweis, nicht der Antrieb für wahren Glauben« (Der Walvoord-Bibelkommentar, hrsg. von John F. Walvoord und Roy B. Zuck, Holzgerlingen: Hänssler ³2000, Bd. 5, S. 428).
Wer das Evangelium der »freien Gnade« verkündigt, entschuldigt keinen Augenblick ein Leben hemmungsloser Sünde auf Seiten des Gläubigen.


6. Antinomismus


Der Ausdruck Antinomismus wird unterschiedlich verstanden. Historisch wurde er oft auf Personen angewandt, die bestritten, dass ein Kind Gottes sich an moralische Maßstäbe halten müsse. MacArthur schreibt:
»Die Lehre, moralische Gebote brauchten Christen nicht zu beachten, greift unter den Evangelikalen wie eine Epidemie um sich« (S. 214).
Auch hier schießt er in seinem Eifer, Missstände und Schwächen in christlichen Gemeinden zu korrigieren, wieder über das Ziel hinaus. Die meisten bibeltreuen Evangelisten glauben sehr wohl, dass dem Gläubigen hohe moralische Maßstäbe gesetzt sind.

Vielleicht steckt hinter dieser Behauptung MacArthurs der folgende, von reformierten Theologen oft geäußerte Gedanke: Da Dispensationalisten lehren, dass der Christ nicht unter der Autorität und den Anforderungen des mosaischen Gesetzes steht, propagieren sie im Grunde eine völlige Freiheit von allen moralischen Anforderungen. Das ist jedoch definitiv nicht der Fall. Dass Christen von der Last befreit sind, das mosaische Gesetz zu befolgen, gibt ihnen noch nicht die Freiheit, ohne Regeln zu leben. Die Gnade Gottes »unterweist uns, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in dem jetzigen Zeitlauf« (Tit 2,12). Neutestamentliche Gläubige brauchen sich nicht mehr durch das mosaische Gesetz knechten zu lassen, um Gerechtigkeit hervorzubringen; das bewirkt in ihnen die Gnade (Röm 8,3–6).


7. Christi Herrschaft


Um die These zu untermauern, Errettung erfordere eine »Bereitschaft, sich Ihm zu unterwerfen« (S. 235), zitiert MacArthur vier grundlegende Stellen außerhalb der Evangelien: Apg 2,21; 2,36; 16,31; Röm 10,9f.
»Alle diese Stellen schließen unzweideutig das Herrsein Christi als Teil des Evangeliums ein, das zur Errettung geglaubt werden muss« (S. 234).
An allen vier Stellen wird Christus mit dem Titel Herr bezeichnet. Die Frage ist, was der Ausdruck in diesem Zusammenhang bedeutet und wie sich das auf die Errettung anwenden lässt. Nehmen wir an, ein Mann, der sein ganzes Erwachsenenleben geraucht hat, will wissen, wie er errettet werden kann. Soll man ihm sagen, dass er das Rauchen aufgeben muss, um seine Unterwerfung unter Christi Herrschaft zu beweisen und so die Bedingungen für seine Errettung zu erfüllen? Bedeutet der Aufruf »Glaube an den Herrn Jesus« (Apg 16,31) »Unterstelle Christus alle Bereiche deines Lebens« oder »Ruhe auf dem Werk Christi, das für dich vollbracht wurde«? Wir glauben Letzteres.

Der Ausdruck Herr, mit dem Jesus an diesen Stellen bezeichnet wird, betont nicht sein Recht als Gebieter, sondern seine Gottheit. Charles Ryrie schreibt zutreffend, dass
»die Gottheit die Hauptbetonung und das Herzstück des Glaubens ist, wenn es um die Errettung von Sünde geht« (Ausgewogen statt abgehoben, S. 229).
Wenn in den evangelistischen Aufrufen des Neuen Testaments das Wort Herr verwendet wird, spricht es von einer innewohnenden Stellung und Eigenschaft Christi und nicht von einem Akt der Unterwerfung auf Seiten des glaubenden Sünders.

Einer der Haupteinwände gegen die »Lordship Salvation« ist, dass sie dem Evangelium der Gnade etwas hinzufügt. Sie verlangt vom Sünder etwas, das die Schrift nicht verlangt. Die Botschaft von der Errettung aus Gnade verheißt dem Sünder, dass er allein durch Glauben ewiges Leben empfangen kann, während die Botschaft der »Lordship Salvation« Sündern sagt, dass sie bereit sein müssen, alles in ihrem Leben aufzugeben, was Gott missfällt. Wenn sie das Evangelium hören, wissen sie aber noch gar nicht, was für Dinge das sind, und ebenso wenig weiß es der Evangelist, der sie zu Jesus führen möchte.

Zwischen dem Glauben an Christus zum Heil und dem Lernen von ihm als Herrn gibt es einen großen und bedeutsamen Unterschied. Wie bereits erwähnt, unterscheidet MacArthur nicht zwischen Errettung und Jüngerschaft (S. 221). Jesu Aufrufe zur Jüngerschaft waren speziell an seine Nachfolger gerichtet, die bereits Gläubige waren. MacArthur versucht das zu widerlegen, indem er behauptet, die verschiedenen Stellen über das Kreuzaufnehmen usw. beschrieben nur das, was die Jünger getan hatten, als sie zum Glauben gekommen waren. Es ist jedoch zu beachten, dass diese Ermahnungen als Aufforderungen formuliert sind: »der nehme sein Kreuz auf«, nicht »Ihr habt euer Kreuz aufgenommen«. Jesus ermahnt die, die ihm bereits zu ihrem Heil vertraut haben, ihm auch als Herrn ihres Lebens nachzufolgen.


Schluss


John MacArthur ist ohne Zweifel ein aufrichtiger Diener des Herrn. Er sehnt sich danach, im Leben von Christen Heiligkeit, bleibende Frucht und ausdauernde Treue zu sehen. Diesen Wunsch haben wir auch – niemand von uns ist mit schlampigen, fleischlichen und ungehorsamen Christen zufrieden. Aber das Heilmittel für diesen Zustand kann nicht darin liegen, die Bedingungen des Evangeliums zu verändern. Über 100-mal wird uns im Neuen Testament gesagt, dass die Errettung aus Gnade oder durch Glauben geschieht. Es ist eine sehr ernste Sache, diesem Evangelium einen Bestandteil hinzuzufügen, den das Neue Testament nicht kennt. Man mag zwar argumentieren, dass das Wort Glaube, richtig verstanden, den Bestandteil »Unterwerfung« beinhalte, aber wir glauben nicht, dass die Schrift diese Behauptung unterstützt.

Unsere Aufgabe ist es, weiterhin das einfache Evangelium der »freien Gnade« zu verkündigen. Der Heilige Geist wird dafür sorgen, dass wahre Gläubige jene Eigenschaften der Gerechtigkeit hervorbringen, die wir alle so gerne sehen möchten.

Kommentare:

  1. Aber lebt MacArthur nicht davon, dass der "Wandel im Geist" letztlich kaum oder gar nicht vom Leben unter dem Gesetz zu unterscheiden ist?

    http://konsequentegnade.wordpress.com/freiheit-vom-gesetz/der-wandel-im-geist-nach-dem-gesetz/

    Es ist so naheliegend, die "strenge" Jüngerschaft einfach auf die Erlösung zu übertragen. Wäre sie gemäß Kolosser 2,6 durchdacht und formuliert, kämen MacArthur und andere vielleicht gar nicht auf solche Ideen:

    "WIE ihr nun den Christus Jesus, den Herrn, empfangen habt, SO wandelt in ihm"

    Dieser und viele andere Verse sprechen gegen die Kombination aus "Leichte Erlösung - strenge Jüngerschaft".

    http://konsequentegnade.wordpress.com/unser-neues-leben/glaube-und-glaubenswerke/

    oder auch

    http://konsequentegnade.wordpress.com/unser-neues-leben/von-herzen-gehorsam-oder-besser-gar-nicht/

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    1. Vielen Dank für den Hinweis auf den Blog "konsequente gnade", den ich bisher nicht kannte! Ich habe schon einiges davon gelesen und viele wertvolle Denkanstöße gefunden, auch wenn ich mich mit manchem (noch) nicht so recht anfreunden kann. Was mir missfällt, ist z.B. der herablassende Ton, der viele Texte durchzieht, und die ständige Polemik gegen das Wort "Gesetz". Sicher steht der ntl. Gläubige nicht unter dem atl. Gesetz, aber das bedeutet ja nicht, dass das Gesetz etwas inhärent Schlechtes gewesen wäre - immerhin war es Gott, der es einem bestimmten Volk für eine bestimmte Zeit auferlegt hatte, und insofern war es "heilig und gerecht und gut" (Röm 7,12). Außerdem kennt auch das NT ein Gesetz im positiven Sinne: das "Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus" (Röm 8,2), das "Gesetz des Christus" (Gal 6,2), das "Gesetz Christi" (1Kor 9,21!) und das "Gesetz der Freiheit" (Jak 1,25; 2,12). Eine generelle negative Konnotation des Wortes "Gesetz" ist also neutestamentlich nicht gerechtfertigt.

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  2. Paulus wettert ganz schön gegen das Halten des Gesetzes. Da wird nicht großartig unterschieden zwischen dem und dem Gesetz.

    Und stimmt: diese Seite klingt manchmal unnötig herablassend. Da fehlt ne gute Endredaktion ;-)

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    1. Sicher spricht sich Paulus gegen das Halten des atl. Gesetzes aus, aber in 1Kor 9,21 sagt er auch: "obwohl ich nicht ohne Gesetz vor Gott bin, sondern unter dem Gesetz Christi"!

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    2. Entspricht das "Gesetz Christi" dem "Gesetz des Geistes des Lebens" aus Römer 8 und dem "vollkommenen Gesetz der Freiheit" aus Jakobus 1? Und auch dem "Gesetz des Glaubens" aus Römer 3?

      http://konsequentegnade.wordpress.com/unser-neues-leben/das-gesetz-des-geistes-des-lebens/

      http://konsequentegnade.wordpress.com/unser-neues-leben/gluckseliges-tun-werke-aus-glauben/

      Wenn ja, dann hat dieses "Gesetz" in Struktur und Inhalt nichts mit dem Mosaischen Gesetz gemeinsam. Denn es ist kraftvoll und verändert Menschen und kommt dabei ohne Zwang aus.

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    3. In der Struktur vielleicht nicht, aber im Inhalt gibt es ja schon Übereinstimmungen (vgl. Röm 13,8-10; Gal 5,14 – hier spricht Paulus sogar vom atl. Gesetz ohne jede abwertende Konnotation). Mir geht es darum, dass "Gesetz" im NT nicht immer eine negative Bedeutung hat, wie die o.g. Seite zu suggerieren scheint. Und wie oft spricht Paulus negativ von "Gesetzlosigkeit"!

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    4. Stimmt, es gibt Übereinstimmungen im Inhalt. Solange Struktur und Methode des AT-Gesetzes nicht auch übernommen, kann man mit der gemeinsamen Schnittmenge leben.

      Da alle Gläubigen unter der Wirkung der oben genannten "Gesetze" stehen, sind sie auch nicht gesetzlos. Im Sinne des Mosaischen Gesetzes sind sie aber "gesetzlos". Und so wird der Begriff leider meist genutzt.

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  3. Je besser wir Gottes Gesetz kennen, desto deutlicher erkennen wir, das wir schuldig sind.
    (Römer 3 Vers 20....)



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    1. Hallo,

      ich wollte auf meine Texte aufmerksam machen. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, eine Abhandlung zu schreiben, wie in der heutigen Zeit sehr viele Irrlehren über die Gnade Gottes verbreitet werden.
      Die wahre Nachfolge Jesu wird so nicht richtig dargestellt. Mein Herzensanliegen war deshalb, das Evangelium der wahren Gnade mit einer tiefen Beziehung zu Jesus dem Evangelium der billigen Gnade gegenüberzustellen, das in die Verdammnis führt.
      Gott hat mich mehrmals ermutigt, darüber zu schreiben.
      Ich habe neben den sachlichen auch persönliche Aspekte in dieser Abhandlung erwähnt, die mich zum Schreiben der Texte veranlasst haben.
      Aus Zeitgründen stelle ich die Texte bereits jetzt ein, obwohl sie noch nicht 100 % ig durchkorrigiert sind.

      Ich bitte die Leser eventuell noch vorhandene Fehler zu entschuldigen.
      Gottes Segen beim Lesen



      https://www.dropbox.com/s/m1jxex2dcmi49py/Billige%20Gnade.docx?dl=0




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    2. Ich habe mir dieses Buch auch bestellt, aufgrund der vielen negativen Erfahrungen die ich mit Christen gemacht habe. In der Apostelgeschichte ist alles zusammengefasst was ein gläubiger Christ wissen muss um klar und deutlich zu unterscheiden. (Ich spreche aus Erfahrung). Ich vertraue nur noch der Bibel.

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  4. Hallo ich habe mein Buch nochmal überarbeitet und ergänzt siehe http://workupload.com/file/wXuYH8t

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  5. Hallo, die obige Datei, die mit H8t endet habe ich schon als letzte Überarbeitung gedacht, aber ich vor ein paar Tagen mehr aus Langeweile reinlas, sah ich doch dass ich etwas fahrig war und habe vereinzelt Texte korrigiert, ich habe nur das gelesen, was ich am schluss noch verändert habe und vereinzelt unnötiges weggestrichen, so dass es nur noch 193 817 Wörter sind, einen Text von den biblischen Einwänden habe ich in den Anhang gemacht, weil sie sehr umfangreich sind und daher evtl langweilig sind und diesen Text habe ich aufgrund unnötiger Wiederholungen gekürzt , hier kommt der neue Link , und wenn er Fehler hat, so bitte ich darüber hinwegzusehen siehe http://workupload.com/file/zL9nuAp

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