Sonntag, 21. Oktober 2012

Kommentar zu einer Rezension von »Lampen ohne Öl«

Dass die CLV-Hauszeitschrift fest und treu die Neuauflage von Lampen ohne Öl loben und empfehlen würde, war zu erwarten. Die Rezension von Thomas Lange lässt jedoch manche Fragen offen. Nachstehend ein Kommentar.
»Was bedeutet es, an Christus zu glauben? Es bedeutet mehr als die Anerkennung und Bestätigung der Wahrheit, dass er Gott gekommen im Fleische ist, und zu glauben, was er sagt. Wahrer Glaube mündet in Gehorsam. … Der Prüfstein wahren Glaubens lautet also: Bewirkt er Gehorsam? Wenn nicht, so ist es nicht der rettende Glaube. Ungehorsam ist Unglaube. Wirklicher Glaube gehorcht.« (S. 48)
Mit diesem Zitat von MacArthur wird die Besprechung eingeleitet. Es zeigt recht gut, wofür sich der Autor ausspricht, allerdings nicht sehr klar, wogegen: Welcher »Free-Grace«-Vertreter reduziert den Glauben an Christus darauf, »dass er Gott gekommen im Fleische ist«, ohne jeden Bezug auf das Erlösungswerk von Golgatha?
Diese Zitate zeigen auf, worum es in diesem Buch geht. Der Inhalt richtet sich vehement gegen das weit verbreitete Evangelium »light«, welches Jesus als Retter, nicht aber als Herrn verkündet und somit kaum Wert auf praktische Heiligung im Glaubensleben legt. Der Autor geht der Frage nach, ob man errettet sein kann, ohne Christus als Herrn in seinem Leben anzuerkennen.
Das Anliegen MacArthurs ist damit zutreffend umrissen. Langes Definition des »Evangeliums light« weicht jedoch vom einleitenden Zitat ab, denn jetzt ist plötzlich von »Jesus als Retter« die Rede. Das ist in der Tat der Kern der »Free-Grace«-Botschaft. Aber kann man wirklich sagen, dass sie »weit verbreitet« ist? Bedeutet »Evangelium light« hierzulande nicht viel eher eine bedürfnisorientierte »Jesus-löst-alle-deine-Probleme«-Verkündigung, die die Notwendigkeit der »Rettung« vor der ewigen Verdammnis überhaupt nicht thematisiert?
Im ersten Teil greift MacArthur zunächst die gegenwärtige geistliche Situation innerhalb der Evangelikalen auf, stellt den historischen Zusammenhang her und geht auf den Ursprung der heutigen Misere ein. Dabei scheut er sich nicht, die Missstände offen beim Namen zu nennen.
Von der »gegenwärtigen geistlichen Situation« kann bei einem fast 25 Jahre alten Buch wohl kaum noch die Rede sein (der Ausdruck »erst kürzlich« auf S. 143 bezieht sich z.B. auf Skandale der 1980er Jahre!). Fraglich ist auch, ob MacArthurs Beobachtungen aus den USA ohne weiteres auf den deutschsprachigen Raum übertragen werden können. Gerade der »historische Zusammenhang« und der »Ursprung der heutigen Misere« (nach MacArthur der traditionelle Dispensationalismus Chafer’scher Prägung!) sind doch im Grunde rein amerikanische Phänomene, denen schwerlich ein großer Einfluss auf den hiesigen evangelikalen Mainstream zugeschrieben werden kann. Traditionelle Dispensationalisten gibt es hierzulande am ehesten noch in der Brüderbewegung, aber es ist kaum anzunehmen, dass CLV mit diesem Buch vor allem die (in der Regel sehr konservative) Evangelisationspraxis der »Brüder« treffen wollte.
In weiteren Kapiteln untersucht MacArthur, wie Jesus das Evangelium verkündet hat[,] und stellt das Ergebnis den heutigen Methoden gegenüber. Was sagte er wem? Welchen Inhalt hatte seine Botschaft? Wie illustrierte er diese? Was hat es für Konsequenzen, wenn ein Mensch zum Glauben kommt? Welche Kosten hat die Nachfolge? Diese und etliche weitere wichtige Fragen werden behandelt.
Dass dieser ganze Ansatz verfehlt ist, haben bereits zahlreiche Rezensenten deutlich gemacht. Errettung und Jüngerschaft/Nachfolge sind zwei grundsätzlich verschiedene Dinge.
Zwei Anhänge: »Das Evangelium, wie es die Apostel lehrten« und »Das Evangelium, wie es im Laufe der Geschichte gelehrt wurde« unterstreichen das Anliegen des Buches.
Mit dem ersten Anhang will MacArthur offenbar Einwänden von Dispensationalisten zuvorkommen. Da er die Briefe der Apostel aber im Lichte der Evangelien liest (statt umgekehrt), kann er auch hier nur zu einseitigen Ergebnissen gelangen. Der zweite Anhang hat für Leser, denen Kirchenväter, Calvinisten und Puritaner nicht als maßgebende Autoritäten gelten, wenig Beweiskraft.
MacArthurs Beweisführung macht deutlich, dass rettender Glaube immer mit Gehorsam Gottes Wort gegenüber einhergeht. Die Behauptung[,] errettet zu sein[,] wird dadurch bewiesen, dass man Gottes Wort hält. Glaube und Gehorsam sind Zwillinge, die man nicht voneinander trennen kann. Ein Evangelium ohne Buße ist ein falsches Evangelium!
Dass Glaube Gehorsam zur Folge haben sollte (und durch die Innewohnung des Heiligen Geistes normalerweise auch hat), ist unbestritten; »Free-Grace«-Vertreter wenden sich jedoch dagegen, dass die Forderung nach Gehorsam Teil der Evangeliumsverkündigung sein soll. Wenn bereits der Unbekehrte die »Kosten der Nachfolge« überschlagen soll, ist das Heil nicht mehr kostenlos! Im letzten Satz verwechselt Lange die Kategorien: Gehorsam ist nicht dasselbe wie Buße.
MacArthur schreibt sehr offen und eindringlich. Man spürt ihm sein Herzensanliegen für ein unverfälschtes Evangelium ab. Das Buch ist eine Kampfansage an das oben erwähnte Evangelium »light«. Es wird als falsches, verdrehtes und verkürztes Evangelium entlarvt, welches als Ergebnis eine geistlich fehlentwickelte Generation hervorbringt, die dem Selbstbetrug erliegt, errettet zu sein. Im Buch geht es nicht um irgendein beliebiges Thema, sondern um die Substanz des Evangeliums. Deshalb spart der Autor nicht mit deutlichen Worten. Ein sehr dringliches Buch, welchem man nur eine weite Verbreitung wünschen kann.
Wie bereits im Eingangszitat wird auch hier nicht recht deutlich, worin genau das »Evangelium light« bestehen soll und gegen wen sich CLV mit der Veröffentlichung dieses Buches eigentlich konkret richtet. Möglicherweise wissen die Verantwortlichen das selbst nicht ganz genau – die Tatsache, dass das Buch irgendwelche »Fehlentwicklungen« im Evangelikalismus kritisiert, war für die Aufnahme ins CLV-Programm vielleicht schon Grund genug. Dass man damit auch bewährte Bibellehrer wie Chafer und Ryrie an den Pranger stellte und allerlei längst überwundene Irrtümer des Calvinismus wiedereinführte, wurde offenbar billigend in Kauf genommen. Einem Buch, das theologisch mehr Verwirrung als Klarheit stiftet und hauptsächlich einen diffusen Anti-Evangelikalismus bedient, ist gewiss keine »weite Verbreitung« zu wünschen.

Kommentare:

  1. Es geht um das Leben in der Heiligung.
    "Wer liebt, fügt seinem Nächsten nichts böses zu."

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  2. "und gegen wen sich CLV mit der Veröffentlichung dieses Buches eigentlich konkret richtet. Möglicherweise wissen die Verantwortlichen das selbst nicht ganz genau – die Tatsache, dass das Buch irgendwelche »Fehlentwicklungen« im Evangelikalismus kritisiert, war für die Aufnahme ins CLV-Programm vielleicht schon Grund genug."
    Da musste ich schmunzeln.

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